Scheinwahrheit Nr. 5b: Befristung sichert Wettbewerb und folglich Qualität.
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Scheinwahrheit Nr. 5b: Befristung sichert Wettbewerb und folglich Qualität.

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Immer wieder wird der Verweis auf Qualität bemüht, um den Status Quo zu rechtfertigen. Dabei wird suggeriert, dass alle nicht im System Reüssierenden auch als Wissenschaftler:innen erfolglos seien (vgl. auch Scheinwahrheit 3a und 3b). Das sind jedoch verschiedene Maßstäbe. Geht es um die tatsächlich wissenschaftliche Qualitätssicherung, dann funktioniert Wettbewerb um die besten Ideen ohne „Überlebensdruck“. Er ist Teil einer akademischen Kultur von Kritik und Gegenkritik. Allein sie garantiert Innovation: Man lernt aus dem Einnehmen von Gegen- oder Alternativpositionen, neue Positionen zu entwickeln und alte zu hinterfragen oder zu bestätigen.

 

Sichere Anstellungsverhältnisse tragen dazu bei, dass Erkenntnisse, die sich noch nicht etabliert haben, mit Mut zum Risiko weiterentwickelt werden. Das Risiko, neue wissenschaftliche Ideen auszuprobieren, darf also nicht mit dem Risiko verwechselt werden, aus dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt auszuscheiden. Die Möglichkeit, ersteres Risiko einzugehen, ist essenzieller Teil einer freien Wissenschaft, die sich nicht von Sachzwängen einengen lässt. Letzteres Risiko hingegen verhindert die Möglichkeit, sich auf ersteres überhaupt einzulassen, da die Kosten für die eigene Karriere zu hoch werden (vgl. auch Scheinwahrheit 4a). Ohnehin ist der Wettbewerb um Ideen durch lang etablierte Mechanismen wie Peer-Review und gegenseitige, anschließende oder kritische, Zitationen sichergestellt. Und obwohl in der Geschichte der Wissenschaft sehr unterschiedliche Kriterien dafür entwickelt wurden, was „gute Wissenschaft“ bedeuten könnte (auch hier gab es schon immer einen Wettbewerb verschiedener Wissenschaftsphilosophien), wurde wissenschaftsintern nie ernsthaft für eine Wissenschaftsphilosophie argumentiert, geschweige denn von der wissenschaftlichen Community akzeptiert, die Wahrheitsfindung mit existenziellen beruflichen Risiken für die Wissenschaftler:innen durchsetzen wollte.

Es würde jedem Leistungsgedanken widersprechen, wenn […] das Wissenschaftssystem diejenigen dauerhaft versorgen soll […], die im Wettbewerb nicht erfolgreich sind und die sich nicht rechtzeitig um Karriere-Alternativen gekümmert haben.“

Reinhard Jahn (2021), „Was bei Hanna durcheinandergeht“.

 

Verbindet man andersherum Wettbewerb mit Prekarisierung, entsteht das Gegenteil von Innovation, und zwar aus mehreren Gründen: Prämiert werden 1. Schnelligkeit statt Gründlichkeit bei der wissenschaftlichen Arbeit; 2. Anpassung an die Erwartungen von Vorgesetzten oder Gutachtenden statt Originalität; 3. Outputorientierung um jeden Preis statt nachhaltige Informationsaufnahme und -verarbeitung; 4. kompetitive statt kollaborative Verhaltensweisen, also ein geiziger Umgang mit Erkenntnissen statt wechselseitige Inspiration, und 5. individuelle Leidensfähigkeit und der Verzicht auf Care-Aufgaben oder zivilgesellschaftliches Engagement, was bedeutet, dass die Wissenschaft bestimmte Personengruppen oder Forscher:innentypen praktisch von vornherein ausschließt.

 

Mit dem Innovationsargument wird lediglich unterstellt, aber nicht bewiesen, dass eine Vielzahl von Köpfen eine Vielzahl von Ideen ins System bringt und dass die Ideen dem System erhalten bleiben, während auf die Köpfe nach kurzer Zeit verzichtet werden kann. Was dieser Vorstellung abgeht, ist ein Verständnis dafür, dass Innovation nicht allein Originalität, sondern auch Reifung benötigt (vgl. auch Scheinwahrheit 1c). Dieser an Personen und Zeit gebundene Prozess lässt sich nicht delegieren – gerade dann nicht, wenn die im System Verbleibenden von so kleiner Zahl sind, dass sie das gar nicht leisten können. Bei zu knapper Zeit in die Einarbeitung in wissenschaftliche Themenbereiche (bspw. durch das nahende Ende der Projektlaufzeit) besteht zudem die Gefahr, Fragen zu bearbeiten, die schon einmal beantwortet wurden. Ein Effektivitätsverlust der Wissenschaft als ganzer ist die Folge (vgl. auch Scheinwahrheit 1a).

 
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