Scheinwahrheit Nr. 1a: Fluktuation fördert Innovation
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Scheinwahrheit Nr. 1a: Fluktuation fördert Innovation

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Fluktuation ist ein Begriff, der Bewegung und Wandel und insofern eine positive Bedeutung suggeriert. Damit setzt er sich aber auch Verdacht aus, euphemistisch zu veruneindeutigen, was genau gemeint ist. Ginge es dabei einfach um einen bestenfalls erkenntnisfördernden Wechsel zwischen Beschäftigungsorten, dann spräche nichts gegen Fluktuation, denn der findet auch bei Inhaber:innen entfristeter Stellen statt, wie Länder mit entfristetem Mittelbau (etwa Schweden, Dänemark, Frankreich, UK) beweisen. Dieser Gedanke wird hierzulande aber gern mit der Vorstellung einer Fluktuation zwischen Generationen vermischt, die unterstellt, dass Innovation vor allem dann entstehe, wenn besonders viele junge Köpfe im System seien – also wenn fast alle etwas älteren, erfahreneren Wissenschaftler:innen ausscheiden müssen.

Wovor ich Angst habe, ist, dass wir uns die Strukturen zumauern, weil der Hochschulbereich einer ist, der auch immer ein Durchlauferhitzer sein muss […]. Es ist auch so, dass es für die Attraktivität unserer Hochschulen wichtig ist, […] dass Leute kommen und gehen.“

Sabine Kunst im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung des Berliner Abgeordnetenhauses, 68. Sitzung, 14. Juni 2021

So erlaubt das deutsche Wissenschaftszeitvertragsgesetz eine befristete Beschäftigung im Regelfall nur für 12 Jahre. Entfristet wird in der Praxis aber wiederum nur in sehr wenigen Fällen, so dass die meisten gerade dann gehen müssen, wenn sie jahrelange Berufserfahrung erworben haben. Der damit einhergehende Verlust von explizitem und implizitem Wissen, das sich Nachfolger:innen erst mühsam und zeitintensiv neu erarbeiten müssen, ist weder effizient noch im Sinne einer gelungenen Wissensproduktion. Konsequent ausgeblendet wird, dass wissenschaftlich erzeugtes Wissen nachhaltig durchdacht und überprüft werden muss. Genau diese Möglichkeit untergräbt ein System, das sein Personal ständig austauscht. Mehr noch – es läuft Gefahr, sich in einer Inkompetenzschleife zu verfangen: Ideen zu komplexen Themen erwachsen nicht aus Geistesblitzen, sondern aus Fachwissen. Tauscht man Forschende aus, bevor sie dieses haben, bringen sie nur immer wieder dieselben unzureichenden Ideen hervor. Erst die Fähigkeit, sie fachlich abzusichern, macht Ideen produktiv.

 

Wenn Fluktuation Innovation fördert, dann steht dazu allerdings im Widerspruch, dass die im System als beste Köpfe angesehenen Forschenden die entfristeten, ja auf Lebenszeit verbeamteten Lehrstuhlinhaber:innen sind (vgl. auch Scheinwahrheit 5a zur Bestenauslese). Die Behauptung soll also etwas anderes, weniger Positives verdecken: Fluktuation konsolidert die Macht derer, die selbst nicht fluktuieren. Denn Lehrstuhlinhaber:innen bestimmen über die Beschäftigung und Selektion der von ihnen abhängigen Mitarbeiter:innen. Lässt man aber die Annahme gelten, dass Innovation gerade von diesen befristet Beschäftigten kommt, dann stellt deren abhängiger und befristeter Status nur bloß, wie sehr die Strukturen auf Machtausübung, Kontrolle und Abschöpfung ihrer Arbeits- und Innovationskraft angelegt sind (denn die Souveränität, ihre Forschungsideen eigenständig zu etablieren und langfristig zu verfolgen, gesteht man ihnen ja gerade nicht zu). Dem sucht die Fluktuationsrhetorik nur ein dynamistisches Mäntelchen umzuhängen.