Scheinwahrheit Nr. 3b: Wer sich anstrengt, wird auch weiterkommen.
17004
ufaq-template-default,single,single-ufaq,postid-17004,bridge-core-1.0.6,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,transparent_content,qode-child-theme-ver-1.0.0,qode-theme-ver-18.2,qode-theme-bridge,qode_header_in_grid,wpb-js-composer js-comp-ver-6.0.5,vc_responsive

Scheinwahrheit Nr. 3b: Wer sich anstrengt, wird auch weiterkommen.

Link zur Scheinwahrheit kopieren.

 

Anstrengung“ ist kein geeigneter Gradmesser und auch keine Garantie, in der Wissenschaft Fuß zu fassen. Dies zu behaupten, reproduziert einen naiven Mythos von Meritokratie. Denn viele Wissenschaftler:innen machen die paradoxe Erfahrung, dass sie hervorragende wissenschaftliche Leistungen erbringen und diese in der Fachcommunity herausragend bewertet werden. Nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten gemessen kommen sie also sehr wohl weiter – viele von ihnen aber, ohne dass sich dies in hinreichender institutioneller Anerkennung, also in einer unbefristeten Stelle oder Professur niederschlägt (vgl. Scheinwahrheit 7a).

 

Über Erfolg oder Misserfolg in den Strukturen des Wissenschaftssystems entscheiden aber auch Faktoren, die gar nicht in der Macht der Wissenschaftler:innen selbst und quer zum meritokratischen Gedanken liegen. Hierzu gehören strukturelle Benachteiligungen aufgrund von zugeschriebenen Merkmalen wie Geschlecht, Hautfarbe, sozialer Herkunft, Habitus usw., die für einen großen Teil der potenziell hervorragenden Wissenschaftler:innen ein Hindernis bilden, ihre Fähigkeiten und Ideen in der Wissenschaft einzubringen. Auch wird ihnen der Zugriff auf persönliche Netzwerke erschwert, die für die Erlangung einer Professur stets unabdinglich waren. Durch rein persönliche „Anstrengung“ können solche Einschränkungen in keiner Weise überwunden werden.

Doch nicht nur aus meritokratischen, sondern auch aus strukturellen Gründen ist die Annahme, dass sich Anstrengung in der Wissenschaft immer lohnt, falsch. Wie unsere Berechnungen zu unterschiedlichen Personalmodellen zeigen, ist die Anzahl erzwungener Ausstiege aus der Wissenschaft statistisch beschreibbar und insofern als ein Effekt institutioneller Parameter bestimmt; auch sie sind ein von jedem individuellen Bemühen unabhängiger Faktor (vgl. NGAWiss, Diskussionspapier „Personalmodelle“).

 

Von der trügerischen Natur des meritokratischen Versprechens abgesehen ist aber auch festzuhalten, dass das Prinzip „sich anstrengen, um weiterzukommen” mittlerweile zu einer massiven Fehlsteuerung des Wissenschaftsbetriebs führt. Denn mit der ausufernden Praxis der Kurzzeitbefristungen und der Fixierung auf Drittmittel verhält sich dieser Betrieb, als sei das von ihm hervorzubringende Produkt nicht Forschung, sondern der kollektive Wettbewerbsaufwand bei der Verfolgung individueller Karrierewege (die deshalb offenbar möglichst hindernisreich zu gestalten sind). Der existenziellen Bedrohung durch Aussortierung irgendwie zu entgehen, verlangt Wissenschaftler:innen unangemessen viel Arbeitszeit für die ständige und meist erfolglose Beantragung weiterführender Mittel oder für Bewerbungen auf befristete Stellen ab, die klüger in hochwertige wissenschaftliche Arbeit als solche zu investieren wäre (siehe hierzu „The Lancet“ sowie diesen Tweet über einen Forscher, der 997 Arbeitsstunden in die letzte Antragstellung gesteckt hat). Die dabei angewandten Kriterien sind zusätzlich fragwürdig, denn die scheinbar objektive Tatsache, sich beim Rennen um eine Professur durchgesetzt zu haben, wird von Impact-Faktoren, der Zahl der Veröffentlichungen sowie der Einwerbung von Drittmittelgeldern bestimmt. Diese Marker versprechen zwar eine vermeintlich objektive Darstellung von wissenschaftlicher Qualität, setzen dabei aber falsche Anreize auf quantitative Output-Menge und lassen letztlich offen, ob Erfolg auf „Anstrengung“ oder auf strategisches Verhalten beim Publizieren und Netzwerken zurückgeht (vgl. Scheinwahrheit 8a sowie das DFG-Statement 2010 zur Angabe von Publikationen in Förderanträgen und Abschlussberichten und DFG, Publizieren, 2022 zur Qualitätssicherung bei wissenschaftlichen Publikationen). „Anstrengung“, die sich (vorübergehend) lohnt, ist offenbar solche, die sich nicht auf gründliche und zeitintensive Forschung, sondern auf deren hypothetische Ermöglichung, das heißt auf das permanente, selbstbezügliche Arbeiten an der eigenen „Karriere” richtet, deren Verwirklichung dennoch zweifelhaft bleibt.

 

Literatur:

– Deutsche Forschungsgemeinschaft/AG Publikationswesen, Wissenschaftliches Publizieren als Grundlage und Gestaltungsfeld der Wissenschaftsbewertung. Positionspapier, Bonn 2022, https://doi.org/10.5281/zenodo.6538163 [zur Bewertung wissenschaftlicher Qualität]

– „Increasing value, reducing waste“, in: The Lancet 2014, https://www.thelancet.com/series/research. [Artikelserie zur wissenschaftlich sinnvollen Investition von Arbeitszeit]

– Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft: Personalmodelle für Universitäten in Deutschland. Alternativen zur prekären Beschäftigung, Berlin 2020, https://mittelbau.net/diskussionspapier-personalmodelle-2/diskussionspapier-personalmodelle/ [zum statistischen Faktor erzwungener Ausstiege aus der Wissenschaft]