Scheinwahrheit Nr. 3a: Die Guten finden immer eine Stelle. Die anderen waren halt nicht gut genug.
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Scheinwahrheit Nr. 3a: Die Guten finden immer eine Stelle. Die anderen waren halt nicht gut genug.

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Mit dieser Behauptung wird das gegenwärtige Beschäftigungssystem als Messinstrument zur Ermittlung der „Guten“ eingesetzt, die ihrerseits als Bestätigung für die Funktionalität des Systems dienen. Das ist tautologisch. Die Behauptung fällt also in das ideologisch-rhetorische Muster, das Gegebene für das Selbstverständliche und allein dadurch schon Gerechtfertigte zu halten.

Es gibt kaum ein System, das so meritokratisch, also an Leistung orientiert ist, wie die Wissenschaft.“

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, ab 2011 Vizerektorin der Uni Wien, Der Standard, 29. April 2014

 

Inwieweit die im Pool der fachlich Qualifizierten jeweils aktuell verfügbaren Wissenschaftler:innen aber zu wegweisenden Erkenntnissen fähig sind oder nicht, kann sich nur an wissenschaftlichen Kriterien und nicht an Karriereoptionen bemessen lassen. Ob diese Kriterien zum Tragen kommen, ist in diversen Hinsichten als eher zufallsbedingt zu betrachten:

 

Erstens werden durch (wissenschafts‑)politische Entscheidungen ungleiche Verhältnisse geschaffen: Wenn in bestimmten besonders geförderten Forschungsfeldern in einer bestimmten Phase besonders viele Stellen zu besetzen sind, während in manchen Disziplinen trotz hoher wissenschaftlicher Reputation ganze Fächer gestrichen werden, kann die behauptete Regel nicht zutreffen.

 

Zweitens sind die Chancen im historischen Vergleich unterschiedlich, da in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund des Wegfalls von Dauerstellen im Mittelbau bei gleichzeitig massivem Zuwachs von auf Drittmittelbasis befristetem Personal die Chancen auf Verbleib im System eindeutig verschlechtert wurden. Logischerweise würde der Umstand, dass das System heute mehr Individuen aussortiert als früher, dann bedeuten, dass im Verhältnis zu früher immer mehr Personen anfänglich für vielversprechend gehalten und später für ungeeignet befunden werden. Im Sinne der obigen Behauptung könnte man dem Wissenschaftssystem dann nur bescheinigen, dass es sich immer systematischer selbst verblendet und dann korrigieren muss.

 

Drittens wird das Argument, dass vor allem die Qualität wissenschaftlicher Leistungen zähle, durch die grundsätzliche Knapphaltung von Dauerstellen unterwandert: Die Passfähigkeit von Individuen und Stellen wird so zur Lotterie. In Deutschland sind Professuren im internationalen Vergleich besonders rar; hochrangige Positionen werden also ohnehin selten ausgeschrieben, aber zugleich oft mit sehr spezifischen Anforderungsprofilen versehen. Es ist dann eine Frage des Zufalls, ob die am besten geeignete Person zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch im System ist. Zum anderen gibt es „Stellentyp-Moden“: mal besonders viele Juniorprofessuren, mal besonders viele W2 auf Zeit, auch das Generationen-Matching ist also zufällig. Von gezieltem Aufbau und Förderung eines hochqualifizierten Nachwuchs-Pools kann keine Rede sein.

 

Auch weitere Faktoren wie strukturelle Diskriminierung (vgl. Scheinwahrheit 3b) und fragwürdige Exzellenzkriterien (vgl. Scheinwahrheit 8a) lassen zweifeln, ob der Meritokratie-Glaube berechtigt ist. Statt ausgeschiedene Wissenschaftler:innen für unzulänglich zu erklären, sollte man sich bewusst sein, dass jede:r einzelne Forschende „besser“ wird, wenn er oder sie unter tatsächlich förderlichen Bedingungen arbeitet. Prekarisierung mindert Produktivität, indem sie Energien abzweigt und Unbeständigkeit erzwingt, und sie mindert Zuverlässigkeit, indem sie Hyperproduktivität fördert.