PM: Die Evaluation des WissZeitVG zeigt: Nichts spricht für dieses Gesetz
16523
post-template-default,single,single-post,postid-16523,single-format-standard,bridge-core-1.0.6,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,transparent_content,qode-child-theme-ver-1.0.0,qode-theme-ver-18.2,qode-theme-bridge,qode_header_in_grid,wpb-js-composer js-comp-ver-6.0.5,vc_responsive

PM: Die Evaluation des WissZeitVG zeigt: Nichts spricht für dieses Gesetz

Statement des NGAWiss zur Pressekonferenz
gemeinsam mit ver.di am 20.5.2022

 

Als das BMBF im Jahr 2019 die Evaluation der WissZeitVG-Novelle ausschrieb, haben wir im Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft darüber diskutiert, ob wir uns auf die Durchführung bewerben. Schnell war aber klar, dass die Ausschreibung zur Evaluation viel zu eng gefasst war, denn es sollte lediglich erhoben werden, ob die Anzahl der Kurzzeitverträge zurückgegangen ist. Wir entschieden uns daher, eine eigene und umfassende Evaluation in Angriff zu nehmen. Diese wurde von der Rosa Luxemburg Stiftung, ver.di und dem Verein zur Förderung von Wissenschaft und Forschung e.V. finanziell unterstützt.

Mit den heute vorliegenden Daten können wir nun die fächerübergreifende Unzufriedenheit der Wissenschaftler:innen mit ihren Arbeitsbedingungen erkennen. Diese verhindern nicht nur mittel- und langfristige Lebensplanung sowie ein ausgeglichenes Privat- und Familienleben. Gerade promovierte Wissenschaftler:innen – also jene höchst qualifizierten Leistungsträger:innen im akademischen Arbeitsfeld – beklagen, dass die gegenwärtige Befristungspraxis Innovation und Produktivität hemmt.

Aus den Daten des Evaluation, aber auch aus unseren Erfahrungen als Wissenschaftler:innen an den unterschiedlichen Forschungseinrichtungen wissen wir, dass das WissZeitVG standortübergreifend gegen die Interessen der Beschäftigten ausgelegt wird. Denn obwohl das Gesetz eine Entfristung nach der 6+6-Jahresregelung ermöglichen sollte, werden Wissenschaftler:innen nach Ablaufen der 12-Jahresfrist bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht mehr eingestellt. Hochschulverwaltungen sind dazu angehalten, jeglicher Möglichkeit eventueller Entfristungsklagen vorzubeugen. Aus diesem Hochschulinteresse folgen zahlreiche Missbrauchsformen. Unter dem Vorwand der Qualifikation werden Wissenschaftler:innen befristet eingestellt und erledigen de facto Daueraufgaben. Am eklatantesten zeigt sich dies bei der Befristung von Lehrkräften für besondere Aufgaben.

Standortübergreifend müssen wir auch beobachten, dass Wissenschaftler:innen wöchentlich 8-12 Stunden unbezahlte Mehrarbeit leisten. 61 Prozent der Befragten gibt an, dass diese Überstunden die Bedingung für die Realisation der eigenen Forschungsarbeit sind. Obwohl die Qualifikation der wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen den Befristungsgrund darstellt, wird die Forschungs- und Qualifikationsarbeit paradoxerweise de facto in der Freizeit durchgeführt.

So funktioniert weder eine gute Personalpolitik, noch ist der vielbeschworenen ‚internationalen Konkurrenzfähigkeit‘ damit gedient: Das international einmalige WissZeitVG führt längst dazu, dass Wissenschaftler:innen nach der Promotion in andere Länder abwandern oder aber der Wissenschaft auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit den Rücken kehren. All das ist auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft, zementiert durch das WissZeitVG, zurückzuführen.

Es ist Zeit, dass die Universitätsleitungen, die Länder und der Bund die Ideologie der niemals endenden „Qualifikation“ im Mittelbau überwinden. Promovierende und promovierte Wissenschaftler:innen sind nicht nur an der Universität, um sich weiterzubilden – denn das tun sie, wie unsere Zahlen zeigen, offensichtlich in ihrer Freizeit. Promovierte, als Wissenschaftler:innen mit den höchsten Bildungsabschlüssen in Deutschland, stemmen den Bärenanteil dessen, was Universität ausmacht: Forschung, Lehre für immer mehr Studierwillige pro Abiturjahrgang, universitäre Selbstverwaltung, Wissenschafts-Praxis-Transfer und ungezählte weitere Aufgaben.

Als Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft haben wir in der Evaluation von den Wissenschaftler:innen einen klaren Auftrag erhalten: Wir werden uns mit erheblichem öffentlichen Druck für die Abschaffung des WissZeitVG in seiner bisherigen Form in die Novellierungsdebatten einmischen. Wir fordern – so wie über 80 Prozent der Wissenschafler:innen – die Entfristung nach der Promotion als Normalfall.

Es steht außer Frage, dass eine solche Novellierung des WissZeitVG nicht alle Probleme am Wissenschaftsstandort Deutschland beheben kann. Das Problem der unfreiwilligen Teilzeitarbeit kann beispielsweise nur durch eine Aufstockung der Grundfinanzierung durch Bund und Länder behoben werden. Auch stehen wir mit der Debatte darum, wie genau Personalstrukturen mit Dauerstellen als Normalfall gestaltet werden sollen, erst am Anfang. Als NGAWiss haben wir dazu mit unserer Berechnung Alternativer Personalmodelle wie dem Tenure Track Modell und einem Lecturer- und Reader-Modell substanzielle und finanzierbare Vorschläge gemacht.

Es ist klar, dass nach den heute vorliegenden Daten das WissZeitVG seine Legitimation zum Fortbestand verloren hat. Wir werden alles dafür tun, es in der jetzigen Form abzuschaffen.

Unsere Evaluation ist unter diesem Link abrufbar:

URL: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-791926
DOI:  https://doi.org/10.25368/2022.132

Die wichtigsten Ergebnisse finden sich in diesem Factsheet.

Der Stream der Pressekonferenz ist unter diesem Link abrufbar: https://biwifo.verdi.de/branchen/hochschulen/++co++816e20dc-d2c5-11ec-8ecf-001a4a160129

Die Durchführung der Datenerhebung und -aufbereitung wurde durch eine Projektfinanzierung der Rosa-Luxemburg-Stiftung ermöglicht.

Zudem danken wir der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) für finanzielle Unterstützung.