Archiv für den Monat: April 2019

Hemmungslose Drittmittelraffgier – Stellungnahme

Stellungnahme zur professoralen Aneignung von wissenschaftlicher Expertise

Das derzeitige System des Hahnenkampfes um Drittmittel und der prekarisierten Personalpolitik – bzw. des Mangels jeder vernünftigen Personalplanung – führt zu bedenklichen Auswüchsen. Selbst größere Forschungsanträge werden im derzeitigen akademischen Betrieb häufig von Personen verfasst, die aktuell nicht fest angestellt sind; teilweise wird ihnen eine Anstellung im Erfolgsfall als Karotte für die Eselsarbeit versprochen. In Fachkreisen viel diskutiert wird derzeit ein Fall von Wissensenteignung für einen großen und erfolgreichen Forschungsantrag, der einer Universität viel Geld und Renommee eingebracht hat (vgl. Valentin Groebner, Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten, Merkur 73 (838), 2019). Dieser ist unter anderem angesichts der hohen Fördersumme einerseits besonders empörend, andererseits nur einer von vielen und verrät einiges über die grundlegenden Strukturen des deutschen Hochschulsystems.

Anscheinend haben manche Professor*innen, die fest im Sattel einer W3-Stelle sitzen, wenig Hemmungen, arbeitslose oder befristet angestellte Wissenschaftler*innen unentgeltlich und ohne Vertrag als anonyme Schreiberlinge in Dienst zu nehmen und die Erfolge ihrer Forschungstätigkeit für sich zu reklamieren. Dabei hebelt die Hierarchie als bestimmendes Prinzip alle Regeln einer angemessenen Honorierung von Arbeit aus und wird offenbar nicht einmal mehr durch eine feudale Idee der Verpflichtung zur Versorgung abgemildert. Das akademische Prekariat wird zudem durch unverbindlich bleibende Versprechungen auf eine mögliche (Fest-)Anstellung zu umfangreichen Vorleistungen veranlasst. Es gilt das Recht der Stärkeren, d.h. der Festangestellten und in der Hierarchie Höhergruppierten. Der Druck, Drittmittel einzuwerben, ist scheinbar inzwischen so groß, dass es als völlig selbstverständlich angesehen wird, von Anderen erarbeitete Anträge als die eigenen auszugeben. Über dem hierarchisch aufgebauten universitären Universum thront somit der alles beherrschende Götze der Drittmitteleinwerbung. Derartige Auswüchse könnten mit der Umsetzung dreier, relativ einfacher Forderungen zumindest eingedämmt werden:

  • Wer substanzielle Teile für einen Drittmittelantrag verfasst, muss während dieser Zeit für diese Tätigkeit regulär angestellt sein oder werden.
  • Die nationalen oder staatlichen, europäischen und privaten Förderinstitutionen sollten die Eingabemasken bei Drittmittelprojekten überarbeiten und systematisch in die Erfassung des Antrags aufnehmen, wer effektiv verantwortlich ist, d.h. wer für welchen Teil des Antrags die Hauptautor*innenschaft innehat.
  • Grundsätzlich sollten für Fördergefäße auch Nicht-Professor*innen antragsberechtigt sein, so dass die durch die Stellenstruktur schon vorhandenen zu starken Hierarchien nicht noch durch die Bedingungen der Antragsstellung verstärkt werden.

Gute Arbeit in der Wissenschaft setzt die Anerkennung von Arbeit und ihre angemessene Entlohnung voraus – im Regelfall auf entfristeten Stellen!

Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft, April 2019

Pressemitteilung 05.04.2019

Protest vor dem Bildungsministerium: Wissenschaftler/innen und Gewerkschaften fordern Entfristung

Mit der Verstetigung des Hochschulpakts (HSP) planen Bund und Länder den dauerhaften Einstieg des Bundes in die Hochschulfinanzierung – hinter verschlossenen Türen und ohne sichtbare, öffentlich diskutierte Vision. Das Bündnis „Frist ist Frust“ – getragen vom Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), der GEW und ver.di, gemeinsam mit vielen anderen wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Organisationen – will dies unbedingt ändern. „Die Mittelvergabe im neuen Hochschulpakt muss jetzt dazu führen, dass für den seit Jahren zunehmend prekär arbeitenden, sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs nachhaltige Beschäftigungsverhältnisse entstehen“, sagt Dr. Dr. Peter Ullrich von NGAWiss. Befristungsquoten von über 90% im Mittelbau sowie eine steigende Zahl von Befristungen beim nichtwissenschaftlichen Personal sind nicht länger hinnehmbar. Das Bündnis fordert daher, die jährlich über 2 Milliarden Euro des Hochschulpakts vollständig zur Schaffung von Dauerstellen mit fairer Arbeitslast zu verwenden.

Das BMBF erwägt dem Vernehmen nach bereits in diese Richtung zu gehen, über die Positionen der Länder ist nichts bekannt. „Wir befürchten, dass die Länder wie gewohnt mit einer Mischung aus Absichtserklärungen und faktischer Reformblockade arbeiten“, so Ullrich für das Bündnis, „es ist nun allerhöchste Zeit, ein deutliches Signal für eine auch für die Beschäftigten nachhaltige Hochschulfinanzierung zu setzen.“

Eine aktuell laufende Petition für einen Entfristungspakt hat bereits über 8000 Unterschriften erhalten. Und auch vor den Türen der Entscheidungsträger/innen machen die beteiligten Organisationen, Gewerkschaften und aktiven Wissenschaftler/innen ihr Anliegen für eine vernünftige Lösung mit einer Aktion im Rahmen der für den 5.4. angesetzten Verhandlungen auf Staatssekretärsebene deutlich, u.a. mit Pakt-Man – dem Befristungsfresser, mit dem Zerreißen unserer Kettenverträge und dem traurigen Frist-ist-Frust-Smiley. Dr. Dr. Peter Ullrich dazu weiter: “Die Zeit drängt. Wenn Bund und Länder endlich etwas an der für die Beschäftigten unerträglichen Situation ändern wollen, ist jetzt der richtige Augenblick, den Anfang zu machen.”

Weitere Informationen zur Kampagne: www.frististfrust.net

Für Rückfragen steht zur Verfügung:

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