Scheinwahrheit Nr. 2b: Aus der Wissenschaft ausscheiden zu müssen, ist kein Drama. Die Arbeitslosenquote unter Akademiker:innen liegt im Vergleich zu Nichtakademiker:innen extrem niedrig.
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Scheinwahrheit Nr. 2b: Aus der Wissenschaft ausscheiden zu müssen, ist kein Drama. Die Arbeitslosenquote unter Akademiker:innen liegt im Vergleich zu Nichtakademiker:innen extrem niedrig.

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Als Ausweis guter akademischer Qualifikationssteuerung und universitärer Personalpolitik kann nicht die Prämisse gelten, dass Qualifizierte langfristig nur irgendeinen beliebigen Job finden müssen. Die Arbeitslosenquote von Akademiker:innen lag 2020 tatsächlich nur bei 2,6% (Bundesagentur für Arbeit), und fraglos verschafft eine Promotion gewisse Statusvorteile auf dem Arbeitsmarkt (BuWiN 2021, S. 232). Doch das entbindet die Hochschulen nicht davon, eine ihren Kernaufgaben angemessene und nachhaltige Personalpolitik zu betreiben, in der Qualifikation in einer Tätigkeit für eine Tätigkeit einen Sinn hat. Statt vorauszusetzen, es reiche, dass Hochqualifizierte überhaupt Arbeit finden, sollte erwartet werden dürfen, dass gerade die höchsten Qualifikationen, wie die Habilitation, auf dieses Ziel zulaufen. Warum sonst würde all das Geld, das ihre Ausbildung kostet, in sie investiert? Denn gerade zur Erfüllung der Kernaufgaben in Forschung und Lehre brauchen Hochschulen dieses Personal (so fordert nicht zuletzt der Wissenschaftsrat, dass deutsche Universitäten zur Bewältigung ihrer Daueraufgaben wesentlich mehr Lehrende einstellen müssten, vgl. Preuß, Hochschulen). Ein Paradox, dem Hinweise auf niedrige Arbeitslosigkeitsquoten auf dem außeruniversitären Arbeitsmarkt nicht beikommen, liegt darin, dass die formal am höchsten Qualifizierten (Habilitierte und Privatdozent:innen, die nicht selten noch mit über fünfzig aus dem System ausscheiden) dort die schlechtesten Aussichten haben (vgl. Wissenschaftsrat 2014, S. 8).

 

Wenn das Verschenken einer beachtlichen gesellschaftlichen Investition keine Rolle spielt, gibt es dann andere ökonomische Gründe hinter der oben wiedergegebenen Behauptung? Denkbar ist, dass der Verweis auf den Arbeitsmarkt indirekt auf die akademische Beschäftigung selbst zielt. Zunehmende Verzweiflung angesichts drohender Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung – eine vertraute Erfahrung von vielen Forschenden im akademischen Mittelbau, die sich aufgrund von Kurzzeitbefristung immer wieder arbeitslos melden müssen – führt dazu, dass die Betroffenen Bedingungen hinnehmen, die Mindeststandards akademischer Beschäftigung unterlaufen. Diese resignative Anpassung an prekäre Zustände macht es möglich, ihnen in den Hochschulen selbst Bedingungen zu bieten, die ihrer Qualifikation und Erfahrung nicht entsprechen. So sind viele Wissenschaftler:innen nur in unzureichenden, befristeten Teilzeitverträgen angestellt oder arbeiten als Lehrbeauftragte ohne jeden Versicherungsschutz und ohne Tarifbindung (siehe Kuhnt/Reitz/Wöhrle, Arbeiten). Der drohenden Entqualifizierung durch inadäquate Positionen außerhalb der Wissenschaft entziehen sich Betroffene dann, indem sie inadäquate materielle Bedingungen in der Wissenschaft in Kauf nehmen. Insofern zahlt es sich für Hochschulen und Forschungseinrichtungen ökonomisch aus, die Beschäftigten im Zweifel darüber zu lassen, was die Qualifikation, die man ihnen angedeihen ließ, eigentlich wert ist. Für diese Hypothese spricht auch, dass die Verhältnisse auf dem nichtakademischen Arbeitsmarkt sehr unmittelbar auf den innerakademischen durchschlagen: Die Konkurrenz, die der außeruniversitäre Markt in einigen Bereichen mit den für seine Fachkräfte sehr viel besseren Arbeitsbedingungen schafft, nehmen Hochschulleitungen und Drittmittelgeber zum Anlass, eine nach Fächern stark unterschiedliche Bezahlung von Promovierenden mit Schwankungen von 65%–100% zu rechtfertigen (vgl. DFG, Hinweis zur Bezahlung von Promovierenden).

 

Literatur:

– Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs, Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland, hrsg. vom Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, Bielefeld 2021, https://www.buwin.de/buwin-2021

– Kuhnt, Mathias, Tilman Reitz und Patrick Wöhrle, Arbeiten unter dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Eine Evaluation von Befristungsrecht und -realität an deutschen Universitäten, Dresden 2022, https://doi.org/10.25368/2022.132 [zu Beschäftigungsbedingungen von Lehrpersonal]

– Preuß, Roland, Hochschulen mangelt es an Professoren, in: SZ, 16. Juli 2014, https://www.sueddeutsche.de/bildung/deutscher-wissenschaftsrat-hochschulen-mangelt-es-an-professoren-1.2045575. [zur Forderung des Wissenschaftsrats, mehr Lehrende einzustellen]

– Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu Karrierezielen und –wegen an Universitäten, 2014, S. 25, https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4009-14.pdf