Scheinwahrheit Nr. 4b: Die akademischen Räte in den 1980ern waren doch der Beweis dafür, dass Unbefristete im Mittelbau bloß noch Dienst nach Vorschrift machen, aber bestimmt keine ernstzunehmende Forschung.
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Scheinwahrheit Nr. 4b: Die akademischen Räte in den 1980ern waren doch der Beweis dafür, dass Unbefristete im Mittelbau bloß noch Dienst nach Vorschrift machen, aber bestimmt keine ernstzunehmende Forschung.

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Hier hat sich eine nahezu mythische Strohmann-Figur als Scheinevidenz aufgebaut. Empirische Belege hierzu fehlen völlig. Klar gegen diese Behauptung spricht das sehr wohl vorhandene Beispiel akademischer Räte, von denen nicht nur zentrale Publikationen stammen, sondern die so manchen nachfolgenden Wissenschaftler:innen auch als wichtige Lehrpersonen in Erinnerung sind. Viel interessanter ist jedoch, den heutigen Diskurs um die akademischen Räte genauer zu untersuchen: Gerade weil man sie als ‚aufs Abstellgleis Geschobene‘ betrachtet, unterstellt man mangelnde Fähigkeit. Es spricht einiges dafür, dass es sich hier um eine retrospektive Illusion handelt, die im Grunde aus der Missachtung der akademischen Räte durch die professoralen Kolleg:innen herrührt (die von den akademischen Räten selbst jedenfalls bezeugt wird). Eine in Einzelfällen eingeschränkte wissenschaftliche Produktivität mag zudem durch die Übertragung allzu vieler Aufgaben zustande gekommen sein, die Professor:innen aufgrund des Hierarchiegefälles nach unten durchreichen konnten (auch solches wird beobachtet, wo derartige Ratsstellen noch existieren). Ein ähnlicher Mechanismus lässt sich heute im Fall von entfristeten Hochdeputatsstellen feststellen, mit deren Vergabe im Grunde schon unterstellt wird, dass die Inhaber:innen gar nicht mehr zu forschen bräuchten, was nicht zuletzt wegen des hohen Lehrdeputats zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird (vgl. auch Scheinwahrheit 7c). Auch Respekt – institutioneller wie zwischenmenschlicher – ist eine wichtige Ressource, aus der Beschäftigte Motivation für ihr berufliches Engagement ziehen können.

Wie meinte doch ein Kollege schon vor dreißig Jahren, zur Zeit der Diskussion um die Assistenzprofessoren, witzeln zu müssen: ‚Der Unterschied zwischen radioaktivem Abfall und akademischem Mittelbau? – Beide sind schwer zu entsorgen, aber strahlen tut nur der eine.‘“

Martin Pfister, TAZ, 08.02.2002, „Verschrottung des Mittelbaus“

 

Faktisch hatten die akademischen Räte vielfach Aufgabenbereiche, die auch für die Professuren durchaus nützlich waren; gerade weil an Forschung interessierte Professor:innen nicht immer gute Lehrende und noch weniger oft gute Manager:innen des Forschungs- und Lehrbetriebs waren, konnte das Vorhandensein solcher Stellen im Sinne funktionaler Arbeitsteilung auch für sie ein Vorteil sein. Denn diejenigen Mitarbeiter:innen, die verstärkt solche Aufgaben übernahmen, hatten Erfahrung, professionalisierten sich und konnten zum Aufbau von fachübergreifenden Forschungszusammenhängen beitragen – ohne, wie in heutigen Drittmittel-Einrichtungen, den Kontakt zu den Instituten zu verlieren und nach wenigen Jahren wieder abgewickelt zu werden.