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Plädoyer für eine Reform des Befristungsrechts

Erweiterung unseres Bündnisses zum „Gemeinsamen Statement“

 

Foto: Kay Herschelmann

alte Fassung des Statements (27. Juni 2022): hier
Fassung des neuen Statements (10. November 2022) als pdf: hier

Die Wissenschaft in Deutschland ist in einer Krise und merkt es nicht. Es ist eine Krise des verschwendeten Potenzials ‒ eine Krise, die auf Kosten derjenigen ausgetragen wird, die das System maßgeblich tragen: der Wissenschaftler:innen ohne Professur. Unsicherheit und Zukunftsängste, Stress und zugespitzte Abhängigkeitsverhältnisse prägen den Alltag von Wissenschaft als Beruf. Obwohl inzwischen der Großteil von Forschung und Lehre von Wissenschaftler:innen ohne Professur gestemmt wird, sind verlässliche Arbeitsverhältnisse und berechenbare Perspektiven in der Regel nur für verstetigte Professor:innen vorgesehen.

Wie produktiv könnte unsere Wissenschaft sein, wenn sie das Potenzial, das in unserem wissenschaftlichen Personal steckt, voll heben würde?

Wissenschaft ist nicht zuletzt Denkarbeit, Experimentieren und kritisches Hinterfragen. Doch das braucht Zeit ‒ und lässt sich mit Hektik und Zukunftsangst nur unter Qualitätsverlusten und Selbstausbeutung verbinden. Die Eigenheiten des akademischen Karriereweges betreffen dabei nicht alle gleich. Nach wie vor haben Machtverhältnisse anhand von Faktoren wie race, class, gender und abilty einen prägenden Einfluss auf Zugänge, Berufswege und Karrierechancen in der Wissenschaft.

Die Arbeitsverhältnisse der Promovierenden und Postdocs werden heute überwiegend nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) geregelt. Dieses Gesetz wurde 2016 novelliert und der Einfluss dieser Novelle auf die Arbeitsverhältnisse in mehreren publizierten Studien untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Eine Trendwende hin zu mehr unbefristeten Arbeitsverhältnissen ist ausgeblieben, der Anteil der Kurzzeitverträge mit Laufzeiten von einem Jahr oder weniger wurde nicht nachhaltig reduziert. Qualifikationszeiten sind von den Vertragslaufzeiten nicht annähernd gedeckt. Die Instrumente des Nachteilsausgleichs entfalten keine verlässliche Wirkung. Die unterzeichnenden Organisationen sind deshalb überzeugt, dass jetzt eine mutige und grundlegende Reform des Sonderbefristungsrechts für die Wissenschaft notwendig ist.

Eckpunkte für mehr Planbarkeit und Chancengleichheit der Berufswege in der Wissenschaft:

  1. Der Qualifizierungsbegriff im WissZeitVG muss eng geführt und juristisch bindend definiert werden.
  2. Eine Anstellung zur Promotion kann eine Befristung begründen. Für andere Qualifizierungsziele als Begründung für eine befristete Beschäftigung sehen wir in dieser Phase keine Berechtigung.
  3. Mit dem Eintritt in die Postdoc-Phase sollte in der Regel ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder zumindest ein planbares Verfahren zur Entfristung in der Wissenschaft verbunden sein. Beschäftigte, deren Arbeit von Daueraufgaben geprägt ist, müssen auf Dauerstellen beschäftigt werden.
  4. Vertragslaufzeiten müssen den angestrebten Qualifikationszielen entsprechen. Wie die Evaluationen eindrucksvoll zeigen, ist dies nicht der Fall: Mittlere effektive Vertragslaufzeiten bei Promovierenden von etwa 20 Monaten bei einer durchschnittlichen Promotionszeit von 4,7 Jahren (vgl. Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021) zeigen, dass die WissZeitVG-Novelle von 2016, an ihren eigenen Zielen gemessen, gescheitert ist. Die durchschnittlichen Qualifizierungszeiten sollten daher fächerspezifisch regelmäßig erhoben werden, um auf dieser Grundlage verbindliche Vorgaben zu machen. Unverbindliche Gesetzesformulierungen sind offenkundig nicht ausreichend.
  5. Verlängerungen der Höchstbefristungsdauer (§ 2 Absatz 1 Sätze 4-6 WissZeitVG) führen, wie die Evaluation gezeigt hat, bisher kaum zu faktischen Vertragsverlängerungen und sollten als Rechtsansprüche der Beschäftigten neu ausgestaltet werden. Verlängerungsansprüche sollten hierbei für alle Beschäftigten zugänglich sein, die mit dem Ziel angestellt werden, eine Qualifizierung zu absolvieren.
  6. Die Tarifsperre muss aufgehoben werden. Nur beim Thema Befristung in der Wissenschaft ist den Sozialpartnern durch das Arbeitsrecht verboten, wesentliche Fragen der Arbeitsbedingungen tariflich zu regeln. Dies steht im eklatanten Widerspruch zum im Koalitionsvertrag verankerten Ziel der Bundesregierung, die Tarifautonomie zu stärken.

 

Unterzeichnende Organisationen:

bukof – Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen
DGB – Deutscher Gewerkschaftsbund
DGJ – Deutsche Gesellschaft für Juniorprofessur
fzs – freier zusammenschluss von student*innenschaften
GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Helmholtz Juniors – Netzwerk der Promovierenden der Helmholtz Gemeinschaft
Leibniz PhD Network – Netzwerk der Promovierenden der Leibniz Gemeinschaft
NGAWiss – Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft
ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
respect science – Verein für neue Anreize in der Wissenschaft

Kurzfassung:

Die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist gescheitert!
Plädoyer für eine Reform des Befristungsrechts

Der Qualifizierungsbegriff muss eng geführt werden und die Vertragsdauer für Promovierende muss fachspezifisch mindestens der durchschnittlichen Promotionsdauer entsprechen. Nach Abschluss der Promotion soll ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder zumindest ein planbares Verfahren zur Entfristung die Regel sein. Beschäftigte, deren Arbeit von Daueraufgaben geprägt ist, müssen auf Dauerstellen beschäftigt werden. Die Tarifsperre im Wissenschaftszeitvertragsgesetz muss aufgehoben werden.

 

 

 

 

 

 

 

Wie ein unausgegorener Importversuch die Befristungsmisere zu verlängern droht

Dies ist die Langfassung unseres Beitrags, der am 19.10.2022 in der FAZ erschienen ist.

Die deutsche Hochschulpolitik braucht zumeist lange, um auf erkannte Probleme zu reagieren, und bringt dann nicht selten Verschlechterungen hervor. Gegenwärtig droht eine (erneute) Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) ihr Ziel zu verfehlen. Die Reform soll den vom Gesetz begünstigten und in dieser Drastik weltweit einmaligen Missstand beheben, dass wissenschaftliche Laufbahnen in Deutschland gewöhnlich mit einer Serie von Zeitverträgen beginnen und regelmäßig ins Nichts führen, wenn der sogenannte Nachwuchs mit Anfang oder Mitte 40 fertig ‚qualifiziert‘ ist. Seine Mitglieder haben dann bereits jahrelang für die Hochschulen gearbeitet, erhalten aber mehrheitlich keine der knappen Professuren, die als einzige reguläre Dauerstelle verfügbar sind. Um das zu ändern, wurde vorgeschlagen, für promoviertes Personal Festanstellungen zur Regel zu machen – etwa von ver.di, der GEW, dem Promovierendennetzwerk N² und dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft. Größere Chancen könnte jedoch ein Modell haben, das die Probephase weiter verfestigen und bei unklugem Einsatz sogar verlängern würde: der ‚Tenure Track‘.

In den USA war der Tenure Track eingerichtet worden, um wissenschaftlichem Personal im Anschluss an die Promotion zunächst eine selbständige und dann eine unbefristete Stelle als Mitglied eines Departments anzubieten. Wer nach dem mehrjährigen ‚Track‘ eine positive Evaluierung erhält, wird vom Assistant Professor zum ‚Tenured‘ Associate Professor verstetigt; danach ist auch der Aufstieg zum besonders hoch angesehenen und gut bezahlten ‚Full Professor‘ möglich. Den Kern des Systems bildet nicht der Track, sondern die im Lauf des letzten Jahrhunderts erkämpfte und ausgeweitete Tenure-Stellung, die wissenschaftliche Unabhängigkeit gewährleisten soll. Die Hierarchien bleiben relativ flach, da Professuren anders als in Deutschland über keine weisungsgebundene ‚Ausstattung‘ von Mitarbeitenden verfügen. Über die Vorzüge und Nachteile dieses Modells kann man seriös diskutieren. Die aktuellen Aneignungen bleiben jedoch bei dem Hochglanzbegriff stehen, der internationale Anschluss- und Wettbewerbsfähigkeit verheißt. Sie blenden die Rahmenbedingungen und Probleme des Tenure-Track-Systems so umfassend aus, dass allenfalls eine mangelhafte Kopie zu erwarten ist.

Die Junge Akademie und die Hochschulrektorenkonferenz haben den befristeten ‚Track‘ jüngst als krönenden Abschluss vorheriger Bewährungsbefristung ins Spiel gebracht. Sie schlagen Laufbahnen vor, in denen der Promotion zunächst ein mehrjähriger befristeter Post-Doc-Abschnitt folgt; erst dann soll man sich um die erneute sechsjährige Bewährung im Tenure Track bewerben können. Die Befristungs- und Unsicherheitsphase nach der Promotion würde damit nicht verkürzt oder durch früher geklärte Bleibeperspektiven ersetzt, sondern um die Track-Phase verlängert. Eine Dauerstelle würden die meisten erst mit Mitte oder Ende 40 erreichen. Und während dies in bisherigen Initiativen immerhin eine Professur war, der eine Juniorprofessur vorangeht, will die Junge Akademie den langen Bewährungstrack auch vor bloßen unbefristeten Mitarbeitsstellen einsetzen. Wie sich solche Stellen zu den Professuren verhalten sollen, bleibt ebenso ungeklärt wie das Pendant zum unbefristet und eigenständig arbeitenden Associate Professor im US-Vorbild. Insgesamt sind die Vorschläge mit fast allen Defekten des heutigen Systems kompatibel: einer Befristungsquote von ca. 80% des wissenschaftlichen Personals, konzentrierter professoraler Macht und einer ‚Nachwuchs‘-Phase, die bis ins fünfte Lebensjahrzehnt reicht. Zugleich würde der potenziell kreative, produktive und selbständige Einstieg in die Wissenschaft endgültig in ein Dauer-Assessment umgebaut, das weit mehr als ein Drittel der wissenschaftlichen Laufbahn ausfüllt.

Das mit der Gesetzesnovelle befasste Bundesministerium hat sich zu diesen Vorschlägen noch nicht klar verhalten; mangels eigener Ideen scheint es für sie aber aufgeschlossen zu sein. Sie passen in jedem Fall zu den bislang verfolgten Strategien. Um Kompetenzstreit mit den Ländern zu vermeiden, bevorzugt die Bundes-Hochschulpolitik zeitlich befristete, kompetitiv angelegte Programme, und um für verbesserte wissenschaftliche Stellen keine allzu hohen Kosten zu riskieren, setzt sie auf die wenigen vorbehaltene Juniorprofessur. In dieser Linie steht auch das 2016 ins Leben gerufene Bund-Länder-Programm für 1000 neue Tenure-Track-Professuren. Hier können sich lediglich Universitäten bewerben, die ‚ihre Personalstrukturen überdenken wollen‘, ohne dass die Ausschreibung selbst neue Rahmenbedingungen in Aussicht stellt. Auch dieses Programm sieht eine befristete Postdoc-Phase vor dem Tenure Track vor, weil ein solcher Talentpool nun einmal vorhanden ist, und der neue Weg zur Professur wird betont als einer unter vielen, bereits bewährten dargestellt. Statt struktureller Neuerungen hat das Programm bisher eher Missbrauch angeregt. Wenn die zusätzlichen Tenure-Track-Positionen in bestehende Stellenpläne eingepasst werden, droht eine verkappte Umwidmung ohnehin auslaufender Professuren, und durch die lokal recht geringe Anzahl von Stellen sind mikropolitische Mauscheleien über deren Zuschnitt und Besetzung vorprogrammiert.

Ob ein konsequenterer Ansatz bessere Chancen hätte, ist unsicher. Auch ein flächendeckender Tenure Track würde die Jobsicherheit erst dann spürbar erhöhen, wenn er unmittelbar an die Promotion anschlösse. Diesen Anschluss stellt für Professuren etwa ein früheres Papier der Jungen Akademie und für nichtprofessorale Dauerstellen das Berliner Hochschulgesetz von 2021 in Aussicht. Die USA eignen sich allerdings nur begrenzt als Vorbild, da der Zeitpunkt des Tenure-Track-Antritts dort je nach Fachkultur stark variiert. Zugleich besteht in den USA traditionell eine Vielfalt unbefristeter, wenngleich selten gut abgesicherter wissenschaftlicher Stellen, die den Beteiligten Wahlmöglichkeiten lassen. Wer den Wettbewerb um Tenure-Track- und Tenure-Stellen vermeiden will oder nicht besteht, kann auch einen Job an einem staatlichen College oder als Research Assistant annehmen. Dieses Umfeld alternativer Jobs fehlt in Deutschland. einen sicheren.

Inzwischen hat die transatlantische Vorbildwahl insgesamt antizyklischen Charakter. Der Tenure Track wird in Deutschland zu einem Zeitpunkt als zukunftsweisende Neuerung verkauft, zu dem er in den USA längst ausgehöhlt ist und auch Tenure ein selten gewordenes Privileg darstellt. Seit mehreren Jahrzehnten werden die Tenure- und Tenure-Track-Professuren abgebaut, die ‚Adjunct‘-Positionen ohne verlässliches Gehalt dagegen vermehrt, begleitet von einer Schwemme befristeter Postdoc-Stellen und sonstiger Stellen ohne Tenure-Aussicht. Durch diesen Raubbau am US-Hochschulsystem und dessen stetig zunehmende Geld- und Statusgefälle sind auch die verbliebenen Assistenzprofessuren stark unter Druck geraten. Die Department-Struktur verhindert zwar immer noch weitgehend, dass die Bewährungsbeschäftigten in deutscher Manier zur abhängigen Gefolgschaft der Professor:innen werden. Doch in der verschärften Konkurrenz geben zunehmend familiäre Startvorteile und quantitative Erfolgszahlen den Ausschlag. Insgesamt haben die genannten Trends auch jenseits des Atlantiks längst die Wissenschaftsfreiheit untergraben, die das Tenure-System einst sichern sollte.

Fast scheint es, als sollten im Zeichen des Tenure Track zwei heruntergewirtschaftete Hochschulsysteme verbunden werden, um durch Versatzargumente alte und neue Privilegien besser schützen zu können: ein US-System, das zunehmend an seinem Personal spart, ohne seine Eliteansprüche aufzugeben, und ein deutsches System, das mit kleinen und exklusiven Laufbahnversprechen sein von der Lehrstuhl-Elite abhängiges, projektfinanziertes Postdoc-Elend erhalten will.

In jedem Fall lohnt es zu fragen, welche Motivationen die Verfechter des Tenure Track in der laufenden Debatte antreiben. Die Hochschulrektorenkonferenz setzt vorrangig aufs Bewährte: steile Hierarchien, viele beliebig verfügbare Arbeitskräfte, ein unverkürzt an die befristet Beschäftigten weitergegebener Wettbewerbsdruck. Ähnlich eindimensional ist etwa der Deutsche Hochschulverband auf die Verteidigung professoraler Standesprivilegien fixiert. Die Junge Akademie wiederum vertritt trotz vereinzelter Demokratisierungssignale nicht, wie gern suggeriert wird ‚den Nachwuchs‘. Durch professorale Akademieleitungen und den eigenen Kreis als ‚herausragend‘ ausgewählt, repräsentieren ihre fünfzig Mitglieder vielmehr die wenigen, die im etablierten Wettbewerbsmodus bereits erfolgreich sind. Weil sie berechtigte Hoffnung hegen, sich bald zur Professur durchgekämpft zu haben, sehen sie zu den bestehenden Verhältnissen kaum prinzipielle Alternativen, sondern fordern nur faire Wettbewerbsregeln im Einzelnen. Gemeinsam und unwidersprochen könnten diese Akteure einen natürlicherweise anzustrebenden ‚Tenure Track‘ als Verheißungsfigur etablieren, die erneut von den dringend nötigen Beschäftigungsreformen ablenkt. Die wenig informierte Weise, in der sie diese Figur aufrufen, lässt vermuten, dass es ihnen weniger um eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse als um den Erhalt des Sonderbefristungsrechts und ihrer damit verbundenen Machtpositionen geht.

Potentiell sinnvoll könnte der Tenure Track (wohl) nur als Element einer grundlegenden Reform sein, die Dauerstellen oder den geregelten Übergang dorthin für Einstellungen nach der Promotion verbindlich macht. Er könnte etwa dazu beitragen, dass promovierte Wissenschaftler:innen nicht auf Jahre hin den Professuren zuarbeiten. Neben Dauerstellen mit Aufstiegsmöglichkeit könnten sie zudem als Erprobungsstellen fungieren, auf denen man rasch in verantwortliche Positionen gelangen, aber auch scheitern kann. Der Tenure Track würde in Deutschland dann eine, wiederum antizyklische, Maßnahme zur überfälligen Reanimation und Sicherung von Wissenschaftsfreiheit darstellen. Aktuell steht und fällt diese Freiheit aber vor allem damit, dass zehntausende wissenschaftlich Beschäftigter ohne Professur und Mitgliedschaft in der Jungen Akademie endlich solide Berufsperspektiven erhalten. Die Selbständigkeit, die sie bereits in den verbauten und aussichtsarmen Verhältnissen der Gegenwart zeigen, könnte sich dann jenseits eingefahrener Gleise bewähren.

 

Für das Netzwerk schrieben: Tilman Reitz, Britta Ohm, Álvaro Morcillo Laiz, Thomas Krichner und Lisa Janotta

Die Online-Reihe, die wir im Sommersemester 22 begonnen haben, ist eine lose Folge von Repräsentationen und Interventionen in laufende Debatten zur zunehmend in Frage stehenden Wissenschaftsfreiheit, sowohl im deutschen wie auch im internationalen/internationalisierten akademischen System. Unter dem Eindruck besonders des neoliberalen Umbaus der Hochschullandschaft(en) während der letzten drei Dekaden richten unsere Vortragenden ihren Fokus dabei auf politische, diskursive und strukturelle Aspekte der Definitionen, Begrenzungen und Verhandlungen von Wissenschaftsfreiheit und nähern sich Begriff und Praxis aus unterschiedlichen (inter)disziplinären Perspektiven. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Wissenschaftsakteur*innen ebenso wie an die interessierte Öffentlichkeit.

1. Decline of Academic Freedom: Dimensions and Limits of the Academic Freedom Index (AFI)
(in English)

Termin: 20. Oktober 2022, 18:00 – 19:30 Uhr (s.t.)
Referent*innen: Dr. Lars Pelke (AFI-Team; University of Erlangen-Nürnberg) & Dr. Asli Telli (Fellow Witwatersrand University, South Africa; Academics for Peace)

Teilnahme per Zoom: https://unibe-ch.zoom.us/j/66301508745?pwd=UUVBTTQ5c1h1T0tmMEVRMkNHcVlmZz09
Meeting-ID: 663 0150 8745
Kenncode: 119884

Since about 2011, academic freedom is in decline on a global scale, with many democracies that were considered either long-established or ‚developing‘ – such as the US, India, Brazil, Turkey, Hungary and Russia – confirming the rule rather than representing exceptions. Germany, however, despite mounting criticism of uniquely hierarchical structures in its universities and research institutions, appears as a continuous bulwark in guaranteeing academic freedom. These are at least some of the findings of the yearly updated Academic Freedom Index (AFI) that a team at the University of Erlangen-Nürnberg first introduced in 2019 (funded by the Volkswagen Foundation). We will take a refined look at the Index with team member Dr. Lars Pelke and engage in a critical discussion both on its methodologies and findings with Dr. Asli Telli, digital media scholar and, as a member of the Academics for Peace, exiled researcher from Turkey in the German academic system.

2. „Die ungleiche Universität: Diversität, Exzellenz und Anti-Diskriminierung“

Termin: 8. Dezember 2022, 18:00 – 19:30 Uhr (s.t.)
Referentin: Prof. Sabine Hark (Technische Universität Berlin)

Teilnahme per Zoom: https://unibe-ch.zoom.us/j/66301508745?pwd=UUVBTTQ5c1h1T0tmMEVRMkNHcVlmZz09
Meeting-ID: 663 0150 8745
Kenncode: 119884

Sabine Hark wird die Kernthesen aus ihrem neuen, gemeinsam mit Johanna Hofbauer (Wirtschaftsuniversität Wien) verfassten Buch vorstellen, das im Oktober 2022 beim Passagen-Verlag erscheint. Nähere Details folgen.

„Wissenschaftsfreiheit – ein umkämpftes Feld“ wird gemeinschaftlich organisiert vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) und dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss). Die Reihe wird unterstützt vom Verein zur Förderung von Wissenschaft und Forschung (FWF) e.V. im Rahmen des von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Projekts „Demokratische Hochschule“.

 

 

Hanna ist sauer! Das ist euch sicher nicht entgangen. Anlässlich der BMBF-Konferenz zur Zukunft des WissZeitVG am 27. Juni haben wir als gemeinsame Aktion mit GEW und ver.di vor dem Ministerium mit Hanna-Masken posiert (nachzulesen hier).

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Foto: Kay Herschelmann

 

Damit noch mehr solcher Bilder und Aktionen möglich werden, stellen wir euch hier die Masken als Download zur Verfügung. Für wenige Euro könnt ihr diese bspw. bei diesen Maskendruck-Firmen produzieren lassen:

https://www.cutoutme.de/shop/maske-aus-karton/
https://www.fotomasken.com/
https://www.sandspromotion.de/papiermasken-bedrucken-mit-ihrem-wunschmotiv

 

Zur Anpassung der Masken-Vorlage, bspw. der Hautfarbe, könnt ihr auch gern auch Vector Stock nutzen.

https://mittelbau.net/wp-content/uploads/2022/08/Hanna2706-scaled.jpg

Unsere Position zum WissZeitVG vom 6. Juli findet ihr hier.

E-Mail-Vorlage zu #IchBinHanna #IchBinReyhan #GegenWissZeitVG10 #IGotFundedByDAAD an die Bundestagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises sowie an Mitglieder des „Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“

 

Einige Netzwerke und Aktivist:innen haben – anlässlich der Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, dem aktuellen HRK-Beschluss sowie den realen und scheinbar geplanten Kürzungen des DAAD und BMBF – bereits erfolgreich Bundestagsabgeordnete des eigenen Wahlkreises sowie Obleute des Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung kontaktiert und um Gesprächstermine gebeten. Hier findet Ihr eine Vorlage, mit der auch Ihr Eure Bundestagsabgeordneten und/oder weitere Mitglieder des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung anschreiben könnt. Modifiziert sie gern Euren Präferenzen entsprechend.

Übersicht zu den Bundestagsabgeordneten Eures Wahlkreises:
https://www.bundestag.de/abgeordnete/wahlkreise/

Schritte: E-Mail schreiben, kurz das Anliegen schildern (s. Vorlage u.) und um einen persönlichen Gesprächstermin bitten.

Übersicht zu den Mitgliedern des „Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“:
https://www.bundestag.de/bildung

Schritte: s.o. Wichtig: Die Obleute der Regierungsfraktionen wurden bereits angeschrieben – alle anderen 35 erwarten noch Post von uns!

Hier findet Ihr eine anonyme Excel-Tabelle, in der Ihr Eure bereits erfolgten Kontaktversuche dokumentieren könnt: https://docs.google.com/spreadsheets/d/1ARBlYhTR9Cwo0miIliqoDt-Ge1vk2DY_SpGFyH5OJWQ/edit?usp=sharing

Helft mit, wir sind viele und wollen gemeinsam weiter Druck auf die Politik ausüben!

Jennifer Henke & NGAWiss

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*Vorlage*

 

Sehr geehrte/r Frau/Herr [Dr.] XY,

ich bin Wissenschaftler:in [Doktorand:in, Postdoc, Vertretungsprofessor:in/Professor:in] und schreibe Ihnen als Bundestagsabgeordneter:m meines Wahlreises / als Mitglied des Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Wochen, die ich als Forschende:r für den Wissenschaftsstandort Deutschland für sehr bedenklich halte. Sie werden sicher wahrgenommen haben, wie groß der Frust über die aktuelle Situation nicht nur unter den jungen und engagierten Wissenschaftler:innen, sondern auch in der Statusgruppe der fortgeschrittenen Postdocs und Professor:innen ist. Es ist Zeit, dass die Politik endlich Flagge zeigt und deutlich macht, warum dies nicht so weitergehen kann. Es entsteht zudem stark der Eindruck, dass seitens der Politik darauf gesetzt wird, dass diejenigen, die sich momentan u.a. unter #IchBinHanna, #IchBinReyhan und #GegenWissZeitVG10 sammeln, zwangsläufig irgendwann aus diesem System ausscheiden und nachfolgende Generationen mehr Compliance zu den vorgefundenen Gegebenheiten zeigen werden.

Zu den höchst bedenklichen Entwicklungen:

Vorschlag der Hochschulrektorenkonferenz zum WissZeitVG

Die HRK setzt mit ihrem Vorschlag der 10-statt-12-Jahre-Befristungsgrenze auf „frühere Klarheit“ für WissenschaftlerInnen bezüglich einer akademischen Karriere. Dieser Vorschlag geht vollkommen an der Realität vorbei, berücksichtigt man die statistisch nachgewiesenen durchschnittlichen Zeiten für Promotion, Habilitation und Zeit bis zur ersten Berufung an (s. etwa BuWiN 2021). Der Vorschlag wird zudem benachteiligte Forschende als erste aus dem System drängen, wodurch die deutsche Wissenschaftslandschaft noch mehr an Diversität verlieren wird als ohnehin schon. Diese Kritik formuliert auch das Statement des NGAWiss zur WissZeitVG-Novelle (https://mittelbau.net/forderungen-zur-novellierung-des-wisszeitvg/). Bislang hat kaum eine der im Bundestag vertretenen politischen Parteien sich klar von diesem Vorschlag distanziert, der sich als Reform ausgibt, aus Sicht betroffener Wissenschaftler:innen aber eine Verschlimmbesserung bedeutet. Er darf auf keinen Fall unkritisch übernommen werden.

Forschungsmittelkürzung im BMBF

Hier scheint es noch nicht offiziell zu sein, jedoch erhalten offensichtlich einige Gruppen, deren Projekte bereits bewilligt waren, nun doch Absagen aufgrund von Mittelkürzungen. An diesen Bewilligungen hängen reale persönliche Existenzen – dem Mittelbau versprochen wurde im Koalitionsvertrag dagegen „Planbarkeit“. Und auch, wenn die Grundfinanzierung der Hochschulen noch wesentlich dringender aufzustocken wäre als die Mittel des BMBF, ist das Signal, man könne mit weniger Forschung auskommen und Wissenschaft nebensächlich sei, ein verheerendes. Unter dem Aspekt, dass Deutschland außer ‚schlauen Köpfen‘ wenig ‚Ressourcen‘ hat, ist absehbar, dass dies langfristig einen Schaden für unseren Forschungsstandort bedeutet.

Kürzungen beim DAAD

Die massive Kürzung bei Stipendien trifft Wissenschaftler:innen vieler Disziplinen hart: Etliche von ihnen können so gar nicht mehr zu internationalen Konferenzen fahren, entweder weil in ihren Projekten keine Mittel dafür vorgesehen werden (können) oder weil sie über den Haushalt finanziert werden und daher gar kein eigenes Projektbudget haben. Der internationale Austausch von und nach Deutschland ist essentiell – nicht nur für die individuelle Entwicklung, sondern auch für die Lösung globaler Probleme. So sehr die Globalisierung gerade auf dem Rückzug sein mag – die Wissenschaft darf davon nicht betroffen sein. Es gibt keine lokalen Lösungen für globale Probleme.

Ich würde deshalb gern wissen, wie Sie dazu stehen und wie Sie versuchen, den vielfältigen Problemen in der deutschen Forschungslandschaft – von Massenbefristungen bis hin zu Mittelkürzungen – entgegenzuwirken. Ich möchte daher im Rahmen eines persönlichen Gesprächs mehr über Ihre Position zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen, zur chronischen Unterfinanzierung von Hochschulen sowie zu den geplanten und bereits erfolgten Kürzungen von Fördergeldern erfahren.

Über eine Antwort mit Terminvorschlag freue ich mich sehr.

Mit freundlichen Grüßen,