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E-Mail-Vorlage zu #IchBinHanna #IchBinReyhan #GegenWissZeitVG10 #IGotFundedByDAAD an die Bundestagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises sowie an Mitglieder des „Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“

 

Einige Netzwerke und Aktivist:innen haben – anlässlich der Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, dem aktuellen HRK-Beschluss sowie den realen und scheinbar geplanten Kürzungen des DAAD und BMBF – bereits erfolgreich Bundestagsabgeordnete des eigenen Wahlkreises sowie Obleute des Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung kontaktiert und um Gesprächstermine gebeten. Hier findet Ihr eine Vorlage, mit der auch Ihr Eure Bundestagsabgeordneten und/oder weitere Mitglieder des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung anschreiben könnt. Modifiziert sie gern Euren Präferenzen entsprechend.

Übersicht zu den Bundestagsabgeordneten Eures Wahlkreises:
https://www.bundestag.de/abgeordnete/wahlkreise/

Schritte: E-Mail schreiben, kurz das Anliegen schildern (s. Vorlage u.) und um einen persönlichen Gesprächstermin bitten.

Übersicht zu den Mitgliedern des „Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“:
https://www.bundestag.de/bildung

Schritte: s.o. Wichtig: Die Obleute der Regierungsfraktionen wurden bereits angeschrieben – alle anderen 35 erwarten noch Post von uns!

Hier findet Ihr eine anonyme Excel-Tabelle, in der Ihr Eure bereits erfolgten Kontaktversuche dokumentieren könnt: https://docs.google.com/spreadsheets/d/1ARBlYhTR9Cwo0miIliqoDt-Ge1vk2DY_SpGFyH5OJWQ/edit?usp=sharing

Helft mit, wir sind viele und wollen gemeinsam weiter Druck auf die Politik ausüben!

Jennifer Henke & NGAWiss

________________

*Vorlage*

 

Sehr geehrte/r Frau/Herr [Dr.] XY,

ich bin Wissenschaftler:in [Doktorand:in, Postdoc, Vertretungsprofessor:in/Professor:in] und schreibe Ihnen als Bundestagsabgeordneter:m meines Wahlreises / als Mitglied des Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Wochen, die ich als Forschende:r für den Wissenschaftsstandort Deutschland für sehr bedenklich halte. Sie werden sicher wahrgenommen haben, wie groß der Frust über die aktuelle Situation nicht nur unter den jungen und engagierten Wissenschaftler:innen, sondern auch in der Statusgruppe der fortgeschrittenen Postdocs und Professor:innen ist. Es ist Zeit, dass die Politik endlich Flagge zeigt und deutlich macht, warum dies nicht so weitergehen kann. Es entsteht zudem stark der Eindruck, dass seitens der Politik darauf gesetzt wird, dass diejenigen, die sich momentan u.a. unter #IchBinHanna, #IchBinReyhan und #GegenWissZeitVG10 sammeln, zwangsläufig irgendwann aus diesem System ausscheiden und nachfolgende Generationen mehr Compliance zu den vorgefundenen Gegebenheiten zeigen werden.

Zu den höchst bedenklichen Entwicklungen:

Vorschlag der Hochschulrektorenkonferenz zum WissZeitVG

Die HRK setzt mit ihrem Vorschlag der 10-statt-12-Jahre-Befristungsgrenze auf „frühere Klarheit“ für WissenschaftlerInnen bezüglich einer akademischen Karriere. Dieser Vorschlag geht vollkommen an der Realität vorbei, berücksichtigt man die statistisch nachgewiesenen durchschnittlichen Zeiten für Promotion, Habilitation und Zeit bis zur ersten Berufung an (s. etwa BuWiN 2021). Der Vorschlag wird zudem benachteiligte Forschende als erste aus dem System drängen, wodurch die deutsche Wissenschaftslandschaft noch mehr an Diversität verlieren wird als ohnehin schon. Diese Kritik formuliert auch das Statement des NGAWiss zur WissZeitVG-Novelle (https://mittelbau.net/forderungen-zur-novellierung-des-wisszeitvg/). Bislang hat kaum eine der im Bundestag vertretenen politischen Parteien sich klar von diesem Vorschlag distanziert, der sich als Reform ausgibt, aus Sicht betroffener Wissenschaftler:innen aber eine Verschlimmbesserung bedeutet. Er darf auf keinen Fall unkritisch übernommen werden.

Forschungsmittelkürzung im BMBF

Hier scheint es noch nicht offiziell zu sein, jedoch erhalten offensichtlich einige Gruppen, deren Projekte bereits bewilligt waren, nun doch Absagen aufgrund von Mittelkürzungen. An diesen Bewilligungen hängen reale persönliche Existenzen – dem Mittelbau versprochen wurde im Koalitionsvertrag dagegen „Planbarkeit“. Und auch, wenn die Grundfinanzierung der Hochschulen noch wesentlich dringender aufzustocken wäre als die Mittel des BMBF, ist das Signal, man könne mit weniger Forschung auskommen und Wissenschaft nebensächlich sei, ein verheerendes. Unter dem Aspekt, dass Deutschland außer ‚schlauen Köpfen‘ wenig ‚Ressourcen‘ hat, ist absehbar, dass dies langfristig einen Schaden für unseren Forschungsstandort bedeutet.

Kürzungen beim DAAD

Die massive Kürzung bei Stipendien trifft Wissenschaftler:innen vieler Disziplinen hart: Etliche von ihnen können so gar nicht mehr zu internationalen Konferenzen fahren, entweder weil in ihren Projekten keine Mittel dafür vorgesehen werden (können) oder weil sie über den Haushalt finanziert werden und daher gar kein eigenes Projektbudget haben. Der internationale Austausch von und nach Deutschland ist essentiell – nicht nur für die individuelle Entwicklung, sondern auch für die Lösung globaler Probleme. So sehr die Globalisierung gerade auf dem Rückzug sein mag – die Wissenschaft darf davon nicht betroffen sein. Es gibt keine lokalen Lösungen für globale Probleme.

Ich würde deshalb gern wissen, wie Sie dazu stehen und wie Sie versuchen, den vielfältigen Problemen in der deutschen Forschungslandschaft – von Massenbefristungen bis hin zu Mittelkürzungen – entgegenzuwirken. Ich möchte daher im Rahmen eines persönlichen Gesprächs mehr über Ihre Position zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen, zur chronischen Unterfinanzierung von Hochschulen sowie zu den geplanten und bereits erfolgten Kürzungen von Fördergeldern erfahren.

Über eine Antwort mit Terminvorschlag freue ich mich sehr.

Mit freundlichen Grüßen,

Jippie! Nach mehr als fünf Jahren hat sich NGAWiss nun institutionalisiert und ist als e.V. eingetragen.

Das bedeutet, dass ihr und Sie neben bisheriger inhaltlicher und solidarischer Unterstützung auch Vereinsmitglied und/oder Förderspender:in werden könnt!

Um an den aktuellen Entwicklungen und Diskussionen um WissZeitVG, BerlHG, #IchbinHanna, Wissenschaftsfreiheit und und und weiterhin dran zu bleiben zu können und gleichzeitig Unterstützung für die lokalen Arbeit und Kämpfe der Mittelbauvertretungen und Initiativen in Form von Vorbereitungstreffen, Inputs, Materialien oder Aufarbeitung von Zahlen leisten zu können, müssen auch wir uns breiter aufstellen.

Da unsere Arbeit auf ehrenamtlichem Engagement basiert, benötigen wir mehr denn je euren und Ihren Support – ob durch aktives Einbringen in unsere Arbeit im Koordinationskreis, die inhaltliche Arbeit in einer unserer Arbeitsgruppen oder eben auch finanziell!

Alle Informationen zu möglichen Formen des Mitmachens und zum Vereinskonto inkl. Mitgliedsantrag sind unter Mitmachen abrufbar.

Wir sagen schonmal Danke Danke Danke für eure und Ihre bisher so tolle Unterstützung und freuen uns über jede Form von Support!

Solidarische Grüße

Forderungen des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft zur Novellierung bzw. Abschaffung des WissZeitVG

7.7.2022

Das Statement als pdf zum Download.

Als Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft kämpfen wir seit 2017 für die Abschaffung des WissZeitVG in der bestehenden Form. Anlässlich der in dieser Legislaturperiode anstehenden Reform des WissZeitVG sehen wir eine große Chance, endlich nachhaltige Verbesserungen für Wissenschaftler:innen und die Qualität der Wissenschaft an deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu erreichen. Das kann allerdings nur gelingen, wenn die Reformen grundlegend sind. Sie müssen so gestaltet werden, dass sie wirklich zur Verbesserung der Situation von #IchbinHanna führen und ein Missbrauch des WissZeitVG gegen die Beschäftigteninteressen ausgeschlossen wird.


Die letzten Vorschläge der HRK und des DHV haben allerdings gezeigt, dass Änderungen im WissZeitVG auch das Potential haben, die Situation von Wissenschaftler:innen und damit die Qualität der Wissenschaft in Deutschland zu verschlechtern. Verkürzen wir nun einfach die Höchstbefristungsdauer von bisher 6+6 Jahren auf 10 Jahre (HRK) oder auf 6+3 Jahre (DHV), ohne das Wissenschaftssystem auch an anderen Stellen zu reformieren, dann hat das für die Wissenschaftler:innen katastrophale Folgen: Ohne die flächendeckende Implementierung eines echten Tenure TrackSystems ist zu befürchten, dass Wissenschaftler:innen schlicht zwei bzw. drei Jahre weniger Zeit hätten, sich zu habilitieren resp. berufungsfähig werden. Selbst bei vollständiger Umsetzung des Vorschlags der HRK würden nur weitere 6 Jahre Tenure Track an bis zu 10 Jahre Befristung angehängt, was 16 Jahre Unsicherheit bedeutet. Der Blick auf die Ausschreibungspraktiken der letzten Jahre zeigt, dass die Befristung von W2Professuren stetig üblicher geworden ist und Tenure Track (gerade bei den vom Bund geförderten Stellen) immer wieder dazu genutzt wurde, bestehende Professuren vorzeitig zu besetzen, ohne dass dabei neue Stellen entstanden wären. Der Verdacht scheint also begründet, dass mit dem HRKVorschlag nur bestehende Praktiken abgesichert werden sollen, ohne dass sich die Zahl der entfristeten Stellen vergrößert. Das Wissenschaftssystem leidet schon in seiner gegenwärtigen Form an einem massiven Verschleiß von Personal und folglich am Verlust der Kompetenzen all jener, die lange (und dann doch vergeblich) ausgebildet werden. Zudem fördern Zeitdruck und existenzielle Unsicherheit eine Hyperproduktivität, die
gründlicher und somit hochwertiger Forschung und gut vorbereiteter Lehre abträglich sind. Diese Probleme würden die Vorschläge von HRK und DHV nicht beheben, sondern verschärfen. Zur Folge hätte die Verkürzung der Zeit bis zur Berufungsfähigkeit nicht zuletzt eine weitere Verschiebung im sozialen Gefüge in der Hochschule: Die bereits bestehende Überrepräsentation von intersektional privilegierten Personen würde sich weiter verschärfen. Je stärker die Wissenschaft soziale Eliten repräsentiert (und nicht allein wissenschaftliche Leistung), desto weniger Glaubwürdigkeit kann die Wissenschaft für sich beanspruchen.

Das müssen wir verhindern, indem wir ein System schaffen, das die Vereinbarkeit von Leben und Wissenschaft ermöglicht!

Eine substantielle Umgestaltung des gegenwärtigen Befristungssystems ist auf zweialternativen Wegen zu erreichen:

 

A. Grundlegende Änderung des WissZeitVG

 

1. Die Entfristung von Wissenschaftler:innen nach der Promotion als Normalfall. Wissenschaftler:innen weisen mit der Doktorarbeit ihre Fähigkeit zur eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit nach, so steht es bereits in den Landeshochschulgesetzen.

2. Die Engführung des Qualifikationsbegriffs auf die Promotion. Als Begründung für eine Befristung darf es nur noch ein klar definiertes Ziel geben die Promotion. Der Gesetzgeber muss dafür sorgen, dass die Missbrauchsmöglichkeit des WissZeitVG, beliebige Qualifikationsziele zur Rechtfertigung einer Befristung zu erfinden, in Zukunft ausgeschlossen ist.

3. Die Vertragslänge muss einer realistischen Promotionsdauer (incl. Themenfindung und Verteidigung) entsprechen. Die Dauer des Erstvertrags muss mindestens 4 Jahre betragen, eine Verlängerung auf insgesamt 6 Jahre muss bei voraussichtlich erfolgreichem Abschluss der Promotion gewährt werden.

4. Drittmittelbefristung (§2 Abs. 2) aus dem WissZeitVG streichen. Eine Sonderbefristung nach WissZeitVG ist nur durch eine Qualifikation i.S.d. des Erwerbs des Doktortitels gerechtfertigt, nicht durch befristet zur Verfügung stehende Mittel. Dies schließt Promotionen auf der Basis von Drittmitteln nicht aus. Drittmittelbeschäftigung, die nicht der Qualifikation (Promotion) dient, darf jedoch nicht mehr als Qualifikationszeit gezählt werden.

5. Elternzeiten und Nachteilsausgleich verbindlich machen. Die BMBFEvaluation des WissZeitVG hat gezeigt, dass Elternzeit und Nachteilsausgleich viel zu selten ausgeschöpft werden. Wir fordern, dass Elternzeiten und Nachteilsausgleich verbindlich für alle Beschäftigten sowohl über Haushaltsmittel Angestellte, als auch Drittmittelbeschäftigte diese Verlängerungsoptionen erhalten.

6. Streichung der Tarifsperre. Auch über das WissZeitVG hinausgehende Regelungen müssen im Rahmen des kollektiven Arbeitsrechts erstreitbar sein.

oder


B. Abschaffung des WissZeitVG

 

Alternativ kann das WissZeitVG als Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft ganz abgeschafft werden. Das TzBfG zählt in §14 Abs. 1 Sachgründe für über die ZweiJahresGrenze hinausgehende Befristungszeiten auf. Die einzig legitime Befristung in der Wissenschaft besteht für die Zeit der Qualifikation, d.h. allein während der Promotion. Es wäre möglich, diesen speziellen Sachgrund „Promotion“ als §14 Abs. 1 Pkt. 9 in das TzBfG aufzunehmen und jegliches darüber hinaus gehende Sonderbefristungsrecht abzuschaffen.

 

Wirkliche Verbesserung im deutschen Wissenschaftssystem setzen neben der Novellierung bzw. Abschaffung des WissZeitVG hochschulpolitisch nachhaltige Reformen voraus. Diese gehen über die Stellschraube des WissZeitVG weit hinaus, können aber zeitgleich eingeleitet und von dessen Reform mit angestoßen werden.

Die Qualifikationsphase endet in der Wissenschaft mit der Promotion. Die Hochschulleitungen müssen sich endlich von dem nur für sie nützlichen Mythos der Dauerqualifikation verabschieden. Hochschulen müssen verpflichtet werden, Dauerstellen vor der Professur für PostDocs zu implementieren und international vergleichbare Personalkategorien zu schaffen. Diese müssen es erlauben, Forschung und Lehre zu verbinden. Wir haben als NGAWiss substantielle und finanzierbare Vorschläge gemacht, in denen sowohl der Einstieg in die Wissenschaft dauerhaft erhalten wird (Stichwort „Generationengerechtigkeit“), als auch neue Karrierewege zur Professur (Tenure Track) bzw. vor und neben der Professur (Lecturer) aufgezeigt werden (LINK).

Grundlegende Änderungen in der Drittmittelvergabe. Neben der Erhöhung der Grundmittel bei gleichzeitigem Rückbau öffentlich wettbewerbsförmiger Drittmittelfinanzierung (v.a. DFG, BMBF) müssen die Drittmittelvergaberegeln so angepasst werden, dass Daueranstellung über Drittmittel möglich wird. Dies könnte über Pooling erreicht werden oder aber über die Festanstellung von Forschenden bei der DFG.

 

Wir erwarten von den politischen Entscheidungsträger:innen, dass sie sich differenziert in die Materie einarbeiten und die Expertise der Wissenschaftler:innen selbst und nicht die nur der Hochschulverwaltungen anfragen.

 

 

Die erste Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist gescheitert! Plädoyer für eine Reform des Befristungsrechts

 

Foto: Kay Herschelmann

Das gemeinsame Statement
(bukof, DGB, GEW, Helmholtz Juniors, Leibniz PhD Network, NGAWiss, ver.di, respect science)
als pdf zum Download.

Statement in English.

Die Wissenschaft in Deutschland ist in einer Krise und merkt es nicht. Es ist eine Krise des verschwendeten Potenzials ‒ eine Krise, die auf Kosten derjenigen ausgetragen wird, die das System maßgeblich tragen: der Wissenschaftler:innen ohne Professur. Unsicherheit und Zukunftsängste, Stress und zugespitzte Abhängigkeitsverhältnisse prägen den Alltag von Wissenschaft als Beruf. Obwohl inzwischen der Großteil von Forschung und Lehre von Wissenschaftler:innen ohne Professur gestemmt wird, sind verlässliche Arbeitsverhältnisse und berechenbare Perspektiven in der Regel nur für Professor:innen vorgesehen.

Wie produktiv könnte unsere Wissenschaft sein, wenn sie das Potenzial, das in unserem wissenschaftlichen Personal steckt, voll heben würde?

Wissenschaft ist nicht zuletzt Denkarbeit, Experimentieren und kritisches Hinterfragen. Doch das braucht Zeit ‒ und lässt sich mit Hektik und Zukunftsangst nur unter Qualitätsverlusten und Selbstausbeutung verbinden. Die Eigenheiten des akademischen Karriereweges betreffen dabei nicht alle gleich. Nach wie vor haben Machtverhältnisse anhand von Faktoren wie race, class, gender und abilty einen prägenden Einfluss auf Zugänge, Berufswege und Karrierechancen in der Wissenschaft.

Die Arbeitsverhältnisse der Promovierenden und Postdocs werden heute überwiegend nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) geregelt. Dieses Gesetz wurde 2016 novelliert und der Einfluss dieser Novelle auf die Arbeitsverhältnisse in mehreren (im letzten Monat) publizierten Studien untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Eine Trendwende hin zu mehr unbefristeten Arbeitsverhältnissen ist ausgeblieben, der Anteil der Kurzzeitverträge mit Laufzeiten von einem Jahr oder weniger wurde nicht nachhaltig reduziert. Qualifikationszeiten sind von den Vertragslaufzeiten nicht annähernd gedeckt. Die Instrumente des Nachteilsausgleichs entfalten keine verlässliche Wirkung. Die unterzeichnenden Organisationen sind deshalb überzeugt, dass jetzt eine mutige und grundlegende Reform des Sonderbefristungsrechts für die Wissenschaft notwendig ist.

Eckpunkte für mehr Planbarkeit und Chancengleichheit der Berufswege in der Wissenschaft:

  1. Der Qualifizierungsbegriff im WissZeitVG muss eng geführt und juristisch bindend definiert werden.
  2. Eine Anstellung zur Promotion kann eine Befristung begründen. Für andere Qualifizierungsziele als Begründung für eine befristete Beschäftigung sehen wir in dieser Phase keine Berechtigung.
  3. Mit dem Eintritt in die Postdoc-Phase sollte in der Regel ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder zumindest ein planbares Verfahren zur Entfristung in der Wissenschaft verbunden sein. Beschäftigte, deren Arbeit von Daueraufgaben geprägt ist, müssen auf Dauerstellen beschäftigt werden.
  4. Vertragslaufzeiten müssen den angestrebten Qualifikationszielen entsprechen. Wie die Evaluationen eindrucksvoll zeigen, ist dies nicht der Fall: Mittlere effektive Vertragslaufzeiten bei Promovierenden von etwa 20 Monaten bei einer durchschnittlichen Promotionszeit von 4,7 Jahren (vgl. Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021) zeigen, dass die WissZeitVG-Novelle von 2016, an ihren eigenen Zielen gemessen, gescheitert ist. Die durchschnittlichen Qualifizierungszeiten sollten daher fächerspezifisch regelmäßig erhoben werden, um auf dieser Grundlage verbindliche Vorgaben zu machen. Unverbindliche Gesetzesformulierungen sind offenkundig nicht ausreichend.
  5. Verlängerungen der Höchstbefristungsdauer (§ 2 Absatz 1 Sätze 4-6 WissZeitVG) führen, wie die Evaluation gezeigt hat, bisher kaum zu faktischen Vertragsverlängerungen und sollten als Rechtsansprüche der Beschäftigten neu ausgestaltet werden.  Verlängerungsansprüche sollten hierbei für alle Beschäftigten zugänglich sein, die mit dem Ziel angestellt werden, eine Qualifizierung zu absolvieren.
  6. Die Tarifsperre muss aufgehoben werden. Nur beim Thema Befristung in der Wissenschaft ist den Sozialpartnern durch das Arbeitsrecht verboten, wesentliche Fragen der Arbeitsbedingungen tariflich zu regeln. Dies steht im eklatanten Widerspruch zum im Koalitionsvertrag verankerten Ziel der Bundesregierung, die Tarifautonomie zu stärken.

 

Unterzeichnende Organisationen

 

bukof – Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen
DGB – Deutscher Gewerkschaftsbund
GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Helmholtz Juniors – Netzwerk der Promovierenden der Helmholtz Gemeinschaft
Leibniz PhD Network – Netzwerk der Promovierenden der Leibniz Gemeinschaft
NGAWiss – Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft
ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
respect science – Verein für neue Anreize in der Wissenschaft

 

 

       

 

 

Kurzfassung:

Die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist gescheitert! Plädoyer für eine Reform des Befristungsrechts

Der Qualifizierungsbegriff muss eng geführt werden und die Vertragsdauer für Promovierende muss fachspezifisch mindestens der durchschnittlichen Promotionsdauer entsprechen. Nach Abschluss der Promotion soll ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder zumindest ein planbares Verfahren zur Entfristung die Regel sein. Beschäftigte, deren Arbeit von Daueraufgaben geprägt ist, müssen auf Dauerstellen beschäftigt werden. Die Tarifsperre im Wissenschaftszeitvertragsgesetz muss aufgehoben werden.

Was sagen die Fachgesellschaften und Interessenvertretungen zu #IchbinHanna und zur anstehenden WissZeitVG-Novelle?

 

>> Hier unsere kleine Sammlung. Hinweise auf weitere Statements gern an mail@mittelbau.net! <<

 

Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) (7. Juli 2022): Forderungen des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft zur Novellierung bzw. Abschaffung des WissZeitVG

Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (#IchbinHanna) (6. Juli 2022): Ein Gesetz, das sich ehrlich macht. Welche Regelungen nötig sind, damit die Novelle des WissZeitVG ein Erfolg wird. Ein Gastbeitrag von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon.

Hochschulrektorenkonferenz (HRK) (6. Juli 2022): Zur Weiterentwicklung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Diskussionsvorschlag der Mitgliedergruppe Universitäten der Hochschulrektorenkonferenz zur Weiterentwicklung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

Deutscher Hochschulverband (DHV) (27. Juni 2022): Zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Positionspapier des Deutschen Hochschulverbands

Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (bukof), Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Netzwerk der Promovierenden der Helmholtz Gemeinschaft (Helmholtz Juniors), Netzwerk der Promovierenden der Leibniz Gemeinschaft (Leibniz PhD Network), Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) & Verein für neue Anreize in der Wissenschaft (respect science) (27. Juni 2022): Die erste Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist gescheitert! Plädoyer für eine Reform des Befristungsrechts

Junge Akademie (JA) (24. Juni 2022): Perspektiven auf das Wissenschaftszeitvertragsgesetz

Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA), Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. (VHD) & Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) (16. Juni 2022): Erklärung der Verbände vom 29. Juni 2021 zum WissZeitVG. Reaktion auf die Evaluation

Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) (24. Mai 2022): DVPW fordert umfassende Novellierung des WissZeitVG

Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) (17. Januar 2022): #IchBinHanna: Tenure-Track anstatt Befristung

Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA), Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. (VHD) & Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) (29. Juni 2021): Wissenschaftszeitvertragsgesetz abschaffen – Grundfinanzierung der Universitäten stärken