Hemmungslose Drittmittelraffgier – Stellungnahme

Stellungnahme zur professoralen Aneignung von wissenschaftlicher Expertise

Das derzeitige System des Hahnenkampfes um Drittmittel und der prekarisierten Personalpolitik – bzw. des Mangels jeder vernünftigen Personalplanung – führt zu bedenklichen Auswüchsen. Selbst größere Forschungsanträge werden im derzeitigen akademischen Betrieb häufig von Personen verfasst, die aktuell nicht fest angestellt sind; teilweise wird ihnen eine Anstellung im Erfolgsfall als Karotte für die Eselsarbeit versprochen. In Fachkreisen viel diskutiert wird derzeit ein Fall von Wissensenteignung für einen großen und erfolgreichen Forschungsantrag, der einer Universität viel Geld und Renommee eingebracht hat (vgl. Valentin Groebner, Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten, Merkur 73 (838), 2019). Dieser ist unter anderem angesichts der hohen Fördersumme einerseits besonders empörend, andererseits nur einer von vielen und verrät einiges über die grundlegenden Strukturen des deutschen Hochschulsystems.

Anscheinend haben manche Professor*innen, die fest im Sattel einer W3-Stelle sitzen, wenig Hemmungen, arbeitslose oder befristet angestellte Wissenschaftler*innen unentgeltlich und ohne Vertrag als anonyme Schreiberlinge in Dienst zu nehmen und die Erfolge ihrer Forschungstätigkeit für sich zu reklamieren. Dabei hebelt die Hierarchie als bestimmendes Prinzip alle Regeln einer angemessenen Honorierung von Arbeit aus und wird offenbar nicht einmal mehr durch eine feudale Idee der Verpflichtung zur Versorgung abgemildert. Das akademische Prekariat wird zudem durch unverbindlich bleibende Versprechungen auf eine mögliche (Fest-)Anstellung zu umfangreichen Vorleistungen veranlasst. Es gilt das Recht der Stärkeren, d.h. der Festangestellten und in der Hierarchie Höhergruppierten. Der Druck, Drittmittel einzuwerben, ist scheinbar inzwischen so groß, dass es als völlig selbstverständlich angesehen wird, von Anderen erarbeitete Anträge als die eigenen auszugeben. Über dem hierarchisch aufgebauten universitären Universum thront somit der alles beherrschende Götze der Drittmitteleinwerbung. Derartige Auswüchse könnten mit der Umsetzung dreier, relativ einfacher Forderungen zumindest eingedämmt werden:

  • Wer substanzielle Teile für einen Drittmittelantrag verfasst, muss während dieser Zeit für diese Tätigkeit regulär angestellt sein oder werden.
  • Die nationalen oder staatlichen, europäischen und privaten Förderinstitutionen sollten die Eingabemasken bei Drittmittelprojekten überarbeiten und systematisch in die Erfassung des Antrags aufnehmen, wer effektiv verantwortlich ist, d.h. wer für welchen Teil des Antrags die Hauptautor*innenschaft innehat.
  • Grundsätzlich sollten für Fördergefäße auch Nicht-Professor*innen antragsberechtigt sein, so dass die durch die Stellenstruktur schon vorhandenen zu starken Hierarchien nicht noch durch die Bedingungen der Antragsstellung verstärkt werden.

Gute Arbeit in der Wissenschaft setzt die Anerkennung von Arbeit und ihre angemessene Entlohnung voraus – im Regelfall auf entfristeten Stellen!

Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft, April 2019

Pressemitteilung 05.04.2019

Protest vor dem Bildungsministerium: Wissenschaftler/innen und Gewerkschaften fordern Entfristung

Mit der Verstetigung des Hochschulpakts (HSP) planen Bund und Länder den dauerhaften Einstieg des Bundes in die Hochschulfinanzierung – hinter verschlossenen Türen und ohne sichtbare, öffentlich diskutierte Vision. Das Bündnis „Frist ist Frust“ – getragen vom Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), der GEW und ver.di, gemeinsam mit vielen anderen wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Organisationen – will dies unbedingt ändern. „Die Mittelvergabe im neuen Hochschulpakt muss jetzt dazu führen, dass für den seit Jahren zunehmend prekär arbeitenden, sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs nachhaltige Beschäftigungsverhältnisse entstehen“, sagt Dr. Dr. Peter Ullrich von NGAWiss. Befristungsquoten von über 90% im Mittelbau sowie eine steigende Zahl von Befristungen beim nichtwissenschaftlichen Personal sind nicht länger hinnehmbar. Das Bündnis fordert daher, die jährlich über 2 Milliarden Euro des Hochschulpakts vollständig zur Schaffung von Dauerstellen mit fairer Arbeitslast zu verwenden.

Das BMBF erwägt dem Vernehmen nach bereits in diese Richtung zu gehen, über die Positionen der Länder ist nichts bekannt. „Wir befürchten, dass die Länder wie gewohnt mit einer Mischung aus Absichtserklärungen und faktischer Reformblockade arbeiten“, so Ullrich für das Bündnis, „es ist nun allerhöchste Zeit, ein deutliches Signal für eine auch für die Beschäftigten nachhaltige Hochschulfinanzierung zu setzen.“

Eine aktuell laufende Petition für einen Entfristungspakt hat bereits über 8000 Unterschriften erhalten. Und auch vor den Türen der Entscheidungsträger/innen machen die beteiligten Organisationen, Gewerkschaften und aktiven Wissenschaftler/innen ihr Anliegen für eine vernünftige Lösung mit einer Aktion im Rahmen der für den 5.4. angesetzten Verhandlungen auf Staatssekretärsebene deutlich, u.a. mit Pakt-Man – dem Befristungsfresser, mit dem Zerreißen unserer Kettenverträge und dem traurigen Frist-ist-Frust-Smiley. Dr. Dr. Peter Ullrich dazu weiter: “Die Zeit drängt. Wenn Bund und Länder endlich etwas an der für die Beschäftigten unerträglichen Situation ändern wollen, ist jetzt der richtige Augenblick, den Anfang zu machen.”

Weitere Informationen zur Kampagne: www.frististfrust.net

Für Rückfragen steht zur Verfügung:

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BMBF reagiert – Pressemitteilung zum Erfolg der Kampagne “Frist ist Frust”

Pressemitteilung 26.03.2017

Die Entfristungskampagne des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) mit ver.di und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie vielen weiteren Unterstützer/innen zeigt Wirkung: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beginnt sich unserer Forderung anzuschließen, mit dem neuen Hochschulpakt neue Dauerstellen zu schaffen. Mit dem Vertrag sollen Anreize für die Schaffung von Dauerstellen implementiert werden. Was bis vor wenigen Tagen noch als völlig unwahrscheinlich galt, ist dem Wissenschaftsjournalisten Jan-Martin Wiarda zufolge in den derzeitigen Verhandlungen von Bund und Ländern eingetreten: „Unbefristetes wissenschaftliches Personal“ soll neben den bisher von den Ländern diskutierten Parametern „Studienanfänger“, „Studierende in der Regelstudienzeit plus zwei Semester“ und „Absolventen“ ein Kriterium für die Vergabe der Gelder im verstetigten Hochschulpakt sein und dabei mit 25 Prozent gewichtet werden.

Wir begrüßen, dass der Bund sich in unsere Richtung zu bewegen beginnt. Jedoch scheint uns ein Faktor von 25 Prozent angesichts der dramatischen Lage des zu 90% und häufig auf Kurzzeitverträgen von unter einem Jahr befristeten Mittelbaus zu gering. Zudem ist bislang nicht geklärt, auf welche Weise diese Komponente implementiert werden soll. Die Kernforderung der im März 2019 gestarteten Kampagne „Frist ist Frust / Entfristungspakt 2019“ lautet hingegen aus gutem Grund, dass aus Hochschulpaktmitteln finanzierte Stellen sämtlich und überprüfbar entfristet werden. Zudem sollen sie ein Lehrdeputat von höchstens 8 Semesterwochenstunden aufweisen. Selbst die volle Erfüllung dieser Forderung wäre allenfalls ein erster Schritt hin zu einer regulären, unbefristeten Beschäftigung promovierter wissenschaftlicher Arbeitskräfte, wie ihn NGAWiss anstrebt.

Dazu Florian Kappeler von NGAWiss: “Das Bundesministerium ist nun endlich den ersten Schritt auf dem Weg zu verbindlichen Maßnahmen gegen das Befristungsunwesen an den Hochschulen gegangen. Jetzt ist es an den Ländern, sich zu bewegen – und den Worten aus dem BMBF müssen Taten folgen.”

Die Länder haben sich bislang allerdings nicht einmal in Richtung des Bundesministeriums bewegt – wollen sie sich tatsächlich von einer CDU-Bundespolitikerin in Sachen Entfristung überholen lassen? Die Verhandlungen werden bislang von den Staatssekretär*innen des Bund und der Länder hinter verschlossenen Türen geführt. Abgeordnete des Bundestages oder der Länderparlamente werden nicht beteiligt, geschweige denn zivilgesellschaftliche Akteure. Bis zur abschließenden Verständigung von Bund und Ländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) gilt es darum den Druck zu erhöhen. Es ist höchste Zeit, dass verbindliche Schritte gegen das Befristungsunwesen unternommen werden. Wir werden genau beobachten, ob die Länder sich hieran beteiligen oder Fortschritte verhindern, und wir werden die Entscheidungen der GWK aufmerksam verfolgen und mit unseren Mitteln aktiv begleiten.

Bundesweites Netzwerktreffen 2.-3. Mai

Bundesweites Netzwerktreffen:
„Entfristung“!

Anmeldung: bitte per email hidden; JavaScript is required (Betreff: „Anmeldung Netzwerktreffen 2019“)

Unser bundesweites Netzwerktreffen findet am 2.-3. Mai 2019 in Berlin statt. Das Hauptthema ist Entfristung: Unser Vernetzungstreffen steht im Lichte des zu erwartenden Beschlusses der GWK über die Hochschulpaktmittel am Fr (3.5.) Vormittag. Im Kontext des Treffens sind verschiedene Aktionen zur Unterstützung unserer Kampagne Frist ist Frust geplant – nähere Informationen folgen bald. Wir fordern mit Nachdruck, dass die nunmehr unbefristet gewährten Hochschulpakt-Mittel für die Universitäten in entfristete Dauerstellen münden!

Zum Programm: Neben ausreichend Raum zur Vorstellung bundesweiten Initiativen, für Erfahrungsaustausch und Vernetzung (Do) wollen wir in zwei Workshops (Fr) gemeinsam arbeiten: Zur (Gegen-)Evaluation des WissZeitVG und zur Modellentwicklung einer (Neu-)Finanzierung der entfristeten (!) Hochschule.

Dies sind die Eckdaten:

  • Do 2.5.2019
    • 13:30-15:00 Kundgebung „Heraus zum 2. Mai!“ vor dem BMBF Berlin (Kapelle-Ufer 1, Berlin – Nähe Hauptbahnhof)
    • 16:00-19:15 Netzwerkttreffen im „aquarium“ (Skalitzer Str. 6, Berlin)
    • Schwerpunkt: Ini-Vernetzung, Erfahrungsaustausch
    • danach gemeinsamer Ausklang
  • Fr 3.5.2019
    • 9:30-18:00 Netzwerkttreffen im „aquarium“ (Skalitzer Str. 6, Berlin)
    • Schwerpunkt: Workshops zur Entfristung

Wir sorgen für vegetarische und vegane Verpflegung. Dafür bitten wir vor Ort um Spenden. Wir können in sehr begrenztem Umfang privat Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Für die Finanzierung der Reisekosten wendet euch bitte an eure Gewerkschaften. Wir sprechen v.a. deutsch und können je nach Bedarf vor Ort Flüsterübersetzungen organisieren bzw. ins Englische wechseln. Falls ihr Bedarf an Kinderbetreuung habt, schreibt bis 12.4. mit dem Betreff „Kinderbetreuung“ + Alter + Zeiträume eine email hidden; JavaScript is required.

Wir bitten um Anmeldung an email hidden; JavaScript is required (Betreff: Anmeldung Netzwerktreffen 2019)

In Kooperation mit:
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Pressespiegel

27.02.2019 junge Welt: »Streiks wären geeignetes Druckmittel«


29.11.2018 BR: Ohne feste Stelle

15.06.2018 Radio Corax: Ausbeutung und Protest

13.06.2018 neues deutschland: Lernen, aufrecht zu gehen

13.06.2018 Rhein-Neckar-Zeitung: Zufrieden und unzufrieden zugleich

05.06.2018 Tagesspiegel: Junge Akademie rüttelt am Lehrstuhl

30.05.2018 taz: Das Ziel ist der Streik

25.05.2018 deutschland3000: Prekäres Arbeiten in der Wissenschaft (Video)

20.04.2018 Spiegel online: Junge Professoren fordern Abschaffung der Lehrstühle

09.04.2018 WDR: Widerstand gegen Arbeitsbedingungen an Universitäten

17.02.2018 neues deutschland: Theoretische Schatzsucher

30.01.2018 ZDF morgenmagazin: Streit um befristete Arbeitsverträge


27.11.2017 Süddeutsche Zeitung: Der Widerstand an den Unis wächst

17.11.2017 taz: Prekäres Kanonenfutter

TVStud Demo 16.12.17 Berlin

15.11.2017 GEW: Lehrstühle überwinden, Arbeitsbedingungen verbessern

15.11.2017 neues deutschland: Dauerstellen im Mittelbau

15.11.2017 junge Welt: Fünf Minuten

14.11.2017 Deutschlandfunk: Konkurrenzkampf und Kinderlosigkeit

14.11.2017 taz: arbeitsbedingungen an den unis – Zeitgemäß wie ein Talar

14.11.2017 Potsdamer Neueste Nachrichten: Protest für bessere Uni-Jobs Kritik zum Treffen der Hochschulrektoren

09.11.2017 Die ZEIT: Machtmissbrauch in der Wissenschaft

12.10.2017 WDR: Arme Akademiker zwischen Professur und Prekariat?

13.11.2017 Gemeinsame Tagung mit der GEW

04.09.2017 die.tageszeitung: Teures Wahlkampfthema Uni

01.09.2017 Junge Welt: Erzwungene Flexibilität

01.09.2017 Neues Deutschland: Exzellente Ausbeutung

21.06.2017 Chemistryworld: Fixing Germany’s academic pipeline

18.05.2017 Junge Welt: »Gemeinsam kampagnenfähig werden«

12.05.2017 Deutschlandfunk: Widerstand an deutschen Hochschulen wächst

26.04.2017 Spiegel Online: Aufstand in den Lernfabriken

02/2017 Deutsche Universitätszeitung (duz): Kollektiver Widerstand (von Ruben Schenzle)

NGAWiss-Pressekonferenz am 31.8.2017 in Berlin

20.02.2017 detektor.fm: Job oder Familie – eine unmögliche Wahl

19.02.2017 Süddeutsche Zeitung: Wissenschaftliche Mitarbeiter – Risiko inbegriffen

16.02.2017 Süddeutsche Zeitung: Wissenschaft in der Warteschleife

15.02.2017 Frankfurter Allgemeine Zeitung: Niedriglohnsektor mit höchsten Ansprüchen – nur in der Printausgabe

14.02.2017 Zeitschrift für Medienwissenschaft: Für Gute Arbeit in der Wissenschaft!

07.02.2014 BR 2 Zündfunk: Schöne Worte reichen nicht – der Mittelbau organisiert sich

NGAWiss-Gründungskongress in Leipzig 21.01.2017

05.02.2017 Süddeutsche Zeitung: Der Mittelbau macht mobil (von Peter Grottian)

25.01.2017 detektor.fm: Besser ohne Lehrstuhl?

24.01.2017 MDR: Netzwerk kämpft gegen prekäre Arbeit in der Wissenschaft

21.01.2017 MDR: Netzwerk will Uni-Mitarbeitern das Streiken beibringen

19.01.2017 Jungle World: Keine Liebe für den Schreibtisch (von Ruben Schenzle)

19.01.2017 ZEIT Chancen: Mobilisieren, statt jammern! (von Peter Ullrich)

17.11.2016 Jungle World: Der Muff der Exzellenz (von Peter Ullrich)

 

Solidaritätsnote an die philosophische Fakultät der Universität Potsdam

18 Stunden sind zu viel – Gegen Lehre vom Fließband!

Das wissenschaftliche Personal an Hochschulen lässt sich auf zwei Weisen ausbeuten: durch Prekarisierung und durch Überlastung. Die deutschen Hochschulen haben bisher, mit einer Befristungsquote von weit über 80%, vorwiegend den ersten Weg gewählt. Die Leitung der Universität Potsdam versucht nun einen groß angelegten Ausbau der Lehramtsausbildung auf die zweite Weise zu finanzieren: Sie will als neue Standardposition unterhalb der Professur Dauerstellen mit einem Lehrdeputat von nicht mehr maximal 8, sondern durchgängig 18 Wochenstunden einführen. Das würde, wie es die Philosophische Fakultät in einem (inzwischen von der Fakultätsseite entfernten) offenen Brief formuliert hat, „eine gezielte Entwertung fachwissenschaftlicher universitärer Lehre“ bedeuten. Wissenschaftlich Beschäftigte hätten damit keine Zeit mehr, Lehre anspruchsvoll zu gestalten, selbst zu forschen und so Wissen auf dem Niveau der laufenden fachlichen Diskussion zu vermitteln. Akademische Lehre würde auf standardisierte Fließbandarbeit im Hochgeschwindigkeitstakt reduziert. Die Berufsbezeichnung ‚Wissenschaftler*in‘ verkäme damit zum Zynismus. Der Rat der Philosophischen Fakultät an der Universität Potsdam hat die einzig vertretbare Konsequenz gezogen: Er weigert sich, die von der Universitätsleitung geplanten Stellen auszuschreiben. Mit Beschluss vom 23.1.2019 schreibt er als maximales Lehrdeputat 12 Semesterwochenstunden fest.

Hier die Petition zeichnen: Bildung ist keine Massenware!

Das NGAWiss unterstützt den Widerstand der Philosophischen Fakultät gegen die Potsdamer Universitätsleitung. Die Lehr- und Forschungsarbeit an deutschen Hochschulen muss endlich solide finanziert und darf nicht durch weitere Prekarisierung und Überlastung der akademisch Beschäftigten zum unwissenschaftlichen Fließbandbetrieb umgebaut werden. In diesem Konflikt stehen alle in der Verantwortung, von der Bundes- und Landespolitik bis zu den Hochschulleitungen. Wer immer die Lage weiter verschlechtert, hat Gegenwehr zu erwarten. Dauerstellen müssen endlich die Regel werden, aber nicht zu Bedingungen, die gezielt ein Klassengefälle in der Gemeinschaft der Forschenden etablieren. 8 Semesterwochenstunden Lehre sind, wie alle Erfahrungen zeigen, mehr als genug für ernsthaft wissenschaftliche Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse. Wenn diese Standards so ungeniert ignoriert werden, erodiert das Wissenschaftssystem weiter, und besonders die Qualität der Bildung leidet – mit fatalen Folgen für alle.

Solinote PRStudB

Für TV-L Anstellungsverhältnisse von Studierenden, besonders an Hochschulen!

Mit Bestürzung haben wir im Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft die letzten Entwicklungen im Arbeitskampf der studentischen Beschäftigten an der Humboldt-Universität zu Berlin beobachtet: Zum 01.10.2018 wurde im Rahmen einer breiten Entlassungswelle die Weiterbeschäftigung von studentischen Beschäftigten unangekündigt und abrupt beendet.

Wir, das im Januar 2017 gegründete Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft, sind ein Zusammenschluss von bisher 29 Initiativen, die sich in Deutschland und Österreich für gute Arbeitsbedindungen einsetzen. Mit Mitgliedern aller Statusgruppen – Lehrbeauftragten, Professorinnen, Lehrkräften für besondere Aufgaben, Privatdozentinnen, Promovierenden, PostDocs und Wissenschaftlichen Hilfskräften – in Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen vertreten wir die Interessen der Beschäftigten im Bereich der Wissenschaft. Gemeinsam mit den studentischen Beschäftigen kämpfen wir für gute Arbeit in der Wissenschaft!

NGAWiss und TVStud vor der HRK – November 2017

Mit dem Wintersemester 2018/19 wurden zahlreiche studentische Beschäftigte der HU entlassen, die bisher mit wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Aufgaben betraut waren. Ihre Arbeit bildete das Rückgrat der Universitätsbibliothek, des Computer- und Medienservices, der Studienberatung und der Fakultätsverwaltungen. Seit Januar 2017 hat der Personalrat der studentischen Beschäftigten (PRstudB-HU) darauf hingewiesen, dass in diesen Bereichen Beschäftigte nicht-wissenschaftlichen Tätigkeiten nachgehen und sie daher einen Anspruch auf eine angemessene Entlohnung nach dem TV-L haben. Nachdem eine studentische Beschäftigte erfolgreich klagte und vom Landesgericht Berlin in den Tarifvertrag der Länder (TV-L) eingruppiert sowie entfristet wurde, reagierte die Universitätsleitung mit einem „Antragsstopp“, was zur Folge hatte, dass bei betroffenen Studierenden die Verträge nicht verlängert wurden sowie Neueinstellungen und Aufstockungen von Stunden nicht getätigt wurden. Somit wurden studentische Beschäftigte faktisch über Nacht auf die Straße gesetzt. Dieser „Antragsstopp“ wurde von Äußerungen der Universtitätsleitung begleitet, dass der Personalrat der studentischen Beschäftigten diese Entlassung selbst zu verantworten habe. Zu diesen Vorwürfen hat der PRstudB-HU Stellung bezogen.

Wieso hat sich die HU zu so einer drastischen und dilettantischen Maßnahme entschieden? Mit den Entlassungen hat sie zahlreiche Arbeitsabläufe gestört, die sich etwa in Schließtagen der Bibliothek in höchst destruktiver Weise niederschlagen. Ist diese massenhafte Entlassung die Antwort der Universitätsleitung auf den erfolgreichen Arbeitskampf der studentischen Beschäftigten in Berlin?

Im Jahr 2017 und 2018 haben die Studierenden der Berliner Hochschulen gemeinsam in zwei Streikphasen und zähen Verhandlungen erfolgreich für die erste Erhöhung ihres Arbeitslohnes seit 2001 (!) gekämpft. Nicht nur der Abschluss eines studentischen Tarifvertrags machte den Erfolg aus, sondern auch eine stufenweise Erhöhung des Stundenlohns, die Angleichung des Lohns der studentischen Beschäftigten an den TV-L, die Erweiterung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und die Erhöhung des Urlaubsanspruchs ab 2019.

Worauf auch immer die Entlassung der studentischen Beschäftigten zurückzuführen ist – die Unfähigkeit der Universitätsleitung in der Personalentwicklungspolitik oder eine Strategie der Einschüchterung: Wir solidarisieren uns mit den studentischen Beschäftigten und den Personalrät*innen der HU! Wir fordern ein Ende von #Lohndumping, #Kettenbefristungen und #Tarifflucht an Hochschulen.

Verkündung der Exzellenzcluster am 27.09.2018

Exzellenz für wenige oder gute Beschäftigungsbedingungen für alle?

Als die Exzellenzinitiative noch nicht als Exzellenzstrategie auf Dauer gestellt war, hat man bemerkt, dass sie die Arbeitsbedingungen des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses keineswegs verbessert. In der offiziellen Evaluation des Programms werden die entsprechenden Grundprobleme im deutschen Hochschulsystem präzise benannt. Prekäre Beschäftigung breitet sich aus, und am Ende herrscht eine ‘Flaschenhalsproblematik’: existenzielle Konkurrenz um die wenigen professoralen Dauerstellen.

Zur ausführlichen Kritik von NGAWiss am Exzellenzdogma
Zur NGAWiss-Pressemitteilung (vom 26.09.2018)

Die Exzellenzstrategie verschleiert die Grundprobleme der mangelnden Finanzierung von For­schung und Lehre, sie vertieft absichtsvoll bereits bestehende Gefälle zwischen einigermaßen forschungsfähigen und mit Lehre und Verwaltung überlasteten Standorten, sie setzt besonders junge Forschende einem absurden Konkurrenzdruck aus, sie engt die Themen vielversprechen­der Forschung unnötig ein, und sie ist die Spitze einer gewaltigen Fehlallokation öffentlicher Mittel in Wettbewerbe statt Grundfinanzierung.

Nötig wäre das genaue Gegenteil dieser Tendenzen und Orientierungen. Die Spitzenleistungen, die das deutsche Wissenschaftssystem erbringen soll, sind nur von guten Arbeitsbedingungen für alle seine Mitglieder zu erwarten. Denn was unter den Bedingungen permanenten Wettbe­werbs gefördert wird, läuft auf das kurzfristig und prestigestrategisch angelegte Produzieren von “Sichtbarkeit” hinaus, also auf hektische Fleißarbeit für viel gelesene Zeitschriften und einnahmeträchtige Projektanträge. Was ein so strukturierter Wissenschaftsbetrieb nicht ge­währt, sind die Unabhängigkeit und Sicherheit, die es braucht, um langfristig originelle For­schungsansätze zu entwickeln, die allein echte Fortschritte darstellen.

 

Keine Exzellenz ohne faire Arbeitsbedingungen

Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft & GEW-Sachsen

Pressemitteilung vom 26.09.2018

Morgen, am 27.9.2018, werden die „Gewinner“ in einer neuen Runde von geförderten Exzellenzclustern verkündet. Diese Cluster sind Voraussetzung für eine Bewerbung als Exzellenzuniversität im Rahmen der neuen Auflage einer Exzellenzinitiative. Mit der nun so genannten Exzellenzstrategie wird jedoch eine Politik weitergeführt, die maßgeblich für die personalpolitische Misere an den Universitäten mit ca. 90 % befristeten Mittelbaustellen verantwortlich ist.

Die Hochschulfinanzierung in Deutschland ist geprägt durch immer wieder mit öffentlichen Geldern neu aufgelegte befristete Drittmittelprogramme. Dazu gehört auch die Exzellenzstrategie als eine Art symbolischer Krönung. Mathias Kuhnt von NGAWiss: „Diese Drittmittel, auf die die Universitäten durch ihre mangelhafte Grundfinanzierung angewiesen sind, sind immer wieder befristet und daher auch die damit finanzierten Stellen. Dies macht es den Universitäten teilweise unmöglich, langfristige Personalplanung und -entwicklung zu betreiben.“ David Jugel, stellvertretender Vorsitzender der GEW Sachsen aus dem Bereich Hochschule und Forschung ergänzt: „Das Prinzip des Hire-And-Fire, das an den Universitäten vorherrscht, hat natürlich Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit, egal, wie motiviert die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind.“ Daher ist die Exzellenzstrategie des Bundes sowohl hinsichtlich des Ziels exzellenter wissenschaftlicher Arbeit als auch nachhaltiger Personalpolitik kontraproduktiv. Auf Anfrage ließ auch der StuRa der TU Dresden seine Kritik an der Exzellenzstrategie verlauten. Nathalie Schmidt,
Geschäftsführerin Hochschulpolitik dazu: „Es wird hier viel Geld in Spitzenforschung gesteckt, während die Lehre keinen entsprechenden Stellenwert zu haben scheint. Die Hochschulen müssen dringend ausfinanziert werden, um gute Studienbedingungen zu gewährleisten, dazu zählen ganz klar auch sichere Stellenverhältnisse und intakte Infrastruktur.”

Allerorts werden die ausufernden Befristungen an deutschen Hochschulen beklagt.
Dem wollte die Bundesregierung mit der Novellierung des Wissenschaftszeit-vertragsgesetzes begegnen, was nicht mehr als ein Herumdoktern an Symptomen darstellt. Gleichzeitig wird jedoch mit der Exzellenzstrategie eine Politik der kurzatmigen Projektfinanzierung fortgeführt. „Wenn Bund und Länder die Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen wirklich verbessern wollen, müssen sie hier umsteuern und öffentliche Gelder statt für Projektfinanzierungen lieber für die Grundfinanzierung der Hochschulen verwenden“, so Mathias Kuhnt. „Hier besteht völlige Einigkeit mit der GEW” fügt David Jugel hinzu.

Für Rückfragen steht Ihnen unser Kollege zur Verfügung:

Mathias Kuhnt – TU Dresden
Mobil: 0176 2059 0002
Mail: email hidden; JavaScript is required

Aufruf zur #unteilbar-Demo am 13.10.2018

Das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) unterstützt den Aufruf des #unteilbar-Bündnisses für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, für eine freie und vielfältige Gesellschaft. Überall auf der Welt gehören gerade auch Wissenschaftler*innen zu den Opfern einer Politik der Profitmaximierung und nationalen Abschottung. In der Türkei zwingt der Autoritarismus tausende Intellektuelle ins Exil – wenn sie nicht schon im Gefängnis sitzen. Und auch Ungarn ist ein Beispiel dafür, wie eine rechte Regierung in geradezu faschistischer Manier Denk- und Handlungsspielräume einschränkt (z. B. durch die geplante Abschaffung der Gender-Studies-Studiengänge). Der Brexit erschwert zudem den transnationalen Wissenstransfer und -austausch. Darüber hinaus sind auch in Deutschland Strömungen im Aufwind, die keinerlei Interesse an sachlichem Diskurs haben. Gleichzeitig wird Bildung zur Ware gemacht und soziale Exklusionsmechanismen sind gerade im Wissenschaftsbetrieb allgegenwärtig. Dagegen wehrt sich NGAWiss. Für demokratische Hochschulen in einer offenen Gesellschaft!

Wir unterstützen #unteilbar, weil:

– sich unabhängige wissenschaftliche Arbeit und eine demokratische Gesellschaftsordnung wechselseitig bedingen,

– wir uns als Wissenschaftler*innen in gesellschaftlicher Verantwortung sehen: Wir stehen ein für Humanität , Menschenrechte, inklusive Religionsfreiheit (sowie der Freiheit des Individuums und des Staates, frei von Religion zu sein).

– wir Wissenschaft und Bildung als Beitrag zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse in einer umfassenden, globalen Perspektive betrachten, der nicht nur theoretische Überlegungen, sondern auch praktisches Handeln erfordert.

NGAWiss schließt sich dem Aufruf von #unteilbar an, am 13. Oktober 2018 für die Sicherung demokratischer und solidarischer Lebensverhältnisse auf die Straße zu gehen und in unseren jeweiligen Lebensumfeldern aktiv und solidarisch dafür einzutreten.