Solidaritätsnote an tvstud

Der Druck entweicht nach oben – endlich!

(Die Rede wurde leicht abgeändert am 16.1.2018 auf der Warnstreik-Kundgebung am Bebelplatz gegenüber der HU gehalten)

Es ist in besonderem Maße beeindruckend, wie ihr euch als SHKs mit Entschiedenheit, politischer Klugheit und Mut euer Recht auf Streik nehmt. Dafür gebührt euch neben Respekt und Bewunderung auch ausdrücklich Solidarität.

Das gilt umso mehr angesichts der unverschämten Drohungen einzelner Hochschulen wie der FU Berlin die sich über euer Grundrecht zu streiken, hinwegzusetzen versucht. Solche Drohungen sind nichts Neues. Anlässlich einer Aktion von NGAWiss gegen prekäre Beschäftigung auf der Hochschulrektorenkonferenz im vergangenen November in Potsdam hieß es intern im Kreise der Hochschulrektor*innen (die ZEIT berichtete darüber), unsere Plakate, Slogans und Forderungen seien lächerlich; wer an der Universität keinen ordentlichen Vertrag erhalte, müsse halt gehen. Dass ein Rektor, der bis zu 150’000€ im Jahr verdient, auf solch hohem Ross sitzt, verwundert kaum.

Eine Erfahrung ist aber auch: Die Autorität so mancher Statthalter*innen des Systems ist angesichts hartnäckiger Aktionen von unten schon in sich zusammengefallen. Darum halte ich es mit den Worten eines US-amerikanischen Gewerkschafters, der bereits vor 100 Jahren wusste: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft ist eine Gruppe von Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, Promovierenden und PostDocs, Privatdozent*innen und auch ein paar Professor*innen. Wir kämpfen wie ihr für gute Arbeitsbedingungen an deutschen Universitäten und sind darum solidarisch mit euch und euren Forderungen. Viele unserer Kolleg*innen, die noch immer passiv bleiben, könnten und sollten eure Aktion zum Vorbild nehmen, selbst streikfähiger zu werden. Daran arbeiten wir. Und wie mühsam scheint das manchmal in diesem Land, in dem gerade Arbeitende an Hochschulen Streiks für das Relikt einer lange vergangenen Epoche zu halten scheinen. Es sind dieselben, die im Jargon einer noch länger vergangenen Epoche vom ‚Dienst’ statt vom ‚Job’ sprechen und sich Verbesserungen von brav bittenden Sonntagsreden an die Professor*innen und Rektor*innen erhoffen. Ihr brecht damit und zeigt: Es geht auch anders!

Gemeinsam, kollektiv und solidarisch kämpfen…

Endlich, muss man mit Blick auf die Geschichte sagen: Denn der bisherige Tarifvertrag der studentischen Beschäftigten in Berlin ging auf den sogenannten Tutor*innenstreik an der TU im Jahre 1986 zurück. Erst 2013 machten in Jena streikende studentische Beschäftigte mit der Forderung nach Urlaub auf sich aufmerksam. Im Jahr 2015 kämpften Studierende der Goethe-Universität in Frankfurt am Main für bessere Arbeitsbedingungen. Seit letztem Jahr ist endlich Bewegung in den Arbeitskampf gekommen: Ihr habt innerhalb kürzester Zeit in Zusammenarbeit mit GEW und ver.di geschafft, streikfähig zu werden. Herzlichen Glückwunsch und Respekt für diesen Streik!

Wir von NGAWiss. haben es im Jahr 2017 immerhin endlich geschafft, uns als Mittelbau der Hochschulen und Forschungseinrichtungen bundesweit zur organisieren und nachhaltig Kritik an den Arbeitsbedingungen in Wissenschaft und Lehre zu üben. Wir haben uns insbesondere organisiert, um gegen Prekarität und Befristung von Jobs zu kämpfen.

Wisst ihr, dass an vielen Unis über 50% von uns nur für 1 Jahr oder weniger angestellt sind? Schon im folgenden Jahr sind viele von uns an einer anderen Uni beschäftigt – oder arbeitslos.

Liebe Hochschulleitungen, verratet uns: Wie sollen wir unter diesen Bedingungen gute Arbeit leisten und Kontinuität in der Lehre gewährleisten? Und wie sollen Universitäten nicht nur ein Ausbildungsort, sondern ein Raum der Bildung, besser noch: ein Raum der gesellschaftskritischen Bildung sein, wenn dort studentische Hilfskräfte forschen und lehren, assistieren, Labors am Laufen halten, transkribieren, Literaturrecherchen machen – und dafür in keiner Weise angemessen bezahlt werden?

… für Selbstorganisation und kritische Bildung

Und was antworten sie, in den heutigen, neoliberalen unternehmerischen Hochschulen? Sie antworten: „Hab ich keinen Plan, dann schaff ich mir nen Hiwi an. Die sind billig und willig und flexibel einsetzbar, nicht zuletzt in der Verwaltung und als Kopierassistent*innen.“

Weil die meisten Professor*innen, Hochschulleitungen und Regierungsparteien keinen Plan und wohl auch gar nicht das Ziel haben, längerfristige Personalplanung zu betreiben, Mittelbaustellen zu entfristen und Arbeit angemessen zu bezahlen, sind wir alle derart überlastet, dass versucht wird, diese Überlastung nach unten weiterzugeben: An euch.

Doch sie wissen jetzt: Ihr lasst sie damit nicht mehr durchkommen. Stattdessen gebt ihr den Druck nach oben weiter. Lasst uns, Studierende und Mittelbau-Arbeiter*innen, dabei an einem Strang ziehen. Denn nur so ist es möglich, ein ausreichend starkes politisches Subjekt zu bilden, das sich nicht egoistisch allein für die Interessen des eigenen Berufsstandes einsetzt, sondern gemeinsam kollektiv und solidarisch: Studentische Beschäftigte ebenso wie Lehrbeauftragte, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen ebenso wie Privatdozent*innen. Lasst uns gemeinsam kämpfen für Universitäten, die Freiräume schaffen für Begegnung und für Selbstorganisation, für kritische Analysen und für solidarische Utopien. Das können nur Universitäten sein, an denen studentische Beschäftigte und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen in angemessenen sicheren und bezahlten Jobs von ihrer Arbeit leben können.

Daher fordern wir:

Angemessene tarifliche Bezahlung und Mindestvertragslaufzeiten für studentische Hilfskräfte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung als Regelfall für die Promotion sowie die regelhaft entfristete Beschäftigung für Post-Docs.

Angemessene Entlohnung von Lehraufträgen und Titellehre.

Zu unserem Forderungskatalog….hier lang

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